Buchcover Der Archäotraduktosaurus blickt zurück
von Vera Viehöver

Jean-René Ladmiral, geboren 1942 in Lisieux, gehört zu den Gründungsvätern der Übersetzungswissenschaft in Frankreich. Sein 1979 erschienenes Grundlagenwerk Traduire. Théorèmes pour la traduction genießt im gesamten französischsprachigen Raum den Status eines Standardwerks und wurde mehrfach neu aufgelegt (seit 1994 erscheint das Buch als Taschenbuch bei Gallimard). Wenn Ladmiral sich auch vor allem durch sein Wirken als Universitätslehrer in der Ausbildung von Übersetzungspraktikern internationale Reputation erworben hat, so betont er selbst doch stets die philosophische Dimension seiner Arbeiten zu Problemen des Übersetzens: Übersetzungswissenschaft (frz. traductologie) sei erst da umfassend verwirklicht, wo sie zugleich „traductosophie“ („Übersetzungsphilosophie“) sei. Dennoch müsse Übersetzungswissenschaft immer auch die Beobachtung und Beschreibung („traductographie“) der tatsächlichen Praxis des Übersetzens einschließen, ähnlich wie auch die Ethnologie die Ethnographie voraussetze (SC 256).

In den 1960er-Jahren studierte Ladmiral Literatur und Philosophie u. a. in Heidelberg und hat sich aus dieser Zeit ein lebendiges Interesse insbesondere an der deutschen Philosophie erhalten. Die Entwicklung seiner übersetzungstheoretischen Überzeugungen hat sich in beständiger Wechselwirkung mit seiner praktischen Tätigkeit als Übersetzer philosophischer Texte vollzogen: So übertrug er Habermas’ Buch Technik und Wissenschaft als „Ideologie“ (La technique et la science comme „idéologie“, 1973; neu aufgelegt 2002) und Erich Fromms The Crisis of Psychoanalysis (La crise de la psychanalyse, 1971) sowie in Zusammenarbeit mit Kollegen Theodor W. Adornos Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Minima Moralia. Réflexions sur la vie mutilée, 1983) und Kants Kritik der Urteilskraft (Critique de la faculté de juger, 2000). In den späten 1960er-Jahren unterrichtete er an der Universität Paris-X-Nanterre zunächst deutsche Philosophie und gab Deutschkurse für Philosophen, bevor er an derselben Universität den Aufbau eines neuen akademischen Faches vorantrieb, der „Traductologie“. 1987 gründete er ebendort ein übersetzungswissenschaftliches Forschungszentrum, das Centre d’Études et de Recherches en Traduction (CERT). Seit einigen Jahren emeritiert, jedoch weiterhin wissenschaftlich umtriebig, bezeichnet sich Ladmiral heute scherzhaft als „Archäotraduktosaurus“, also als letzten Überlebenden eines längst vergangenen, vordigitalen Erdzeitalters der Übersetzung, dessen DNA man einfrieren werde, um in ferner Zukunft Ladmiral-Klone erzeugen zu können: „Je me plais à me qualifier moi-même comme un ,archéotraductosaure de l’ère précourielique tardive‘, une espèce en voie de disparition. Je me demande si je ne suis pas le dernier spécimen. Voilà, on va garder mon ADN dans une banque pour voir recloner des ,Ladmiraux‘ plus tard.“ (Klappentext des Ladmiral gewidmeten Bandes 22 der übersetzungswissenschaftlichen Reihe Sources – Cibles, École de traducteurs et d’interprètes, Beirut, 2010)

Diese Perspektive eines Wissenschaftlers, der auf eine mehr als vierzigjährige Karriere zurückblickt, ist es auch, die Ladmiral zur Veröffentlichung des hier zu besprechenden Buches veranlasst hat. Sourcier ou cibliste ist eine Zusammenstellung von bereits veröffentlichten, aber schwer auffindbaren oder gar nicht mehr zugänglichen Beiträgen, die Ladmiral im Laufe von mehr als dreißig Jahren einem Problem gewidmet hat, das ihn mehr als alle anderen übersetzungswissenschaftlichen Fragen beschäftigt hat und auch weiterhin umtreibt: „le problème du littéralisme“, wie er es selbst nennt. Gemeint ist das Problem der Wortwörtlichkeit, der Buchstabentreue oder, etwas freier, aber durchaus im Sinne des Adorno-Lesers Ladmiral übersetzt: der Eigentlichkeit beim Übersetzen.

Das nun vorgelegte Buch ist, um den metaphernfreudigen Sprachgestus des bekennenden Humoristen Ladmiral aufzugreifen, eine veritable Vaterschaftsklage: Ladmiral beansprucht das „Copyright“ für die Erfindung des inzwischen weithin bekannten Begriffspaars: sourcier/cibliste sei sein Kind! Während einer Konferenz in London im Jahre 1983 sei es gewissermaßen in der Besenkammer einer hitzigen Diskussion gezeugt worden und habe sofort heftigen Unfrieden gestiftet. Zwar sei einige Jahre später unter dem geänderten Titel Sourciers et ciblistes ein erster schriftlicher Präzisierungsversuch erschienen, gefolgt von weiteren Klärungen und Differenzierungen in Form von Aufsätzen, doch das „Kind“ sei zunehmend selbstständig geworden und schließlich ganz der Kontrolle des Vaters entglitten. In der Tat gehört das Begriffspaar sourcier/cibliste innerhalb der französischsprachigen Übersetzungswissenschaft längst zum Allerweltsvokabular, das inzwischen selbst wenig theoriebegeisterte Studierende vom ersten Semester an aktiv verwenden – allerdings häufig ohne sich des übersetzungsgeschichtlichen und -theoretischen Hintergrunds bewusst zu sein, dem es seine Entstehung verdankt. Die im Titel exponierten Termini definiert Ladmiral wie folgt: „ […] j’appelle ,sourciers‘ ceux qui, en traduction (et, particulièrement, en théorie de la traduction), s’attachent au signifiant de la langue du texte-source qu’il s’agit de traduire; alors que les ,ciblistes‘ entendent respecter le signifié (ou, plus exactement, le sens et la ,valeur‘) d’une parole qui doit advenir dans la langue-cible.“ (SC 4) Die „sourciers“ fühlen sich, so könnte man paraphrasieren, zuallererst dem Ursprungstext („source“) als Signifikantengewebe verpflichtet und übersetzen demnach seinen Wortlaut, während es den „ciblistes“ primär darum geht, die Bedeutung (signifié) bzw. „Sinn“ und „Wert“ des Ursprungstextes (womit Ladmiral dessen Funktion und Wirkung meint) in die Zielsprache („cible“) zu übertragen. Einige Mühe verwendet Ladmiral darauf zu erklären, warum es überhaupt berechtigt sei, ein neues Begriffspaar in die Diskussion einzubringen, wo doch ähnliche terminologische Paare zur Beschreibung grundsätzlicher Positionen des Übersetzens bereits zur Verfügung stünden, so etwa die auf Cicero zurückgehende Unterscheidung von interpres und orator, Schleiermachers Diktum von den zwei Arten zu übersetzen („Entweder der Uebersezer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“), Georges Mounins Modell der „transparenten“ und der „gefärbten Gläser“ (Les belles infidèles, 1955) oder Eugene A. Nidas Unterscheidung von „formal equivalence“ und „dynamic equivalence“ (Toward a Science of Translation, 1964). Ladmiral stellt die bereits existierenden Konzepte nicht grundsätzlich in Frage, beharrt aber darauf, dass gerade seine Neologismen dazu beitragen könnten, übersetzungstheoretische Grundfragen in neuem Licht zu sehen und eine Vertiefung der Diskussion zu erreichen. Die Begriffe sourcier und cibliste habe er nämlich sehr bewusst gewählt, da sie aufgrund ihres Konnotationsspektrums auf verborgene Weise polemisch seien: „sourcier“ verweist auf „sorcier“, den Hexer, und somit indirekt auf Zauberei und (Sprach-)Magie, „cibliste“ erinnert an „cibiste“, d. h. an denjenigen, der die für alle Bürger zugängliche Technik des CB-Funks verwendet, und suggeriert damit gleichermaßen Modernität und zielgerichtete Kommunikation (SC 10).

Es ist nicht schwer zu erraten, welche der beiden Gruppen bei Ladmiral die größere Sympathie genießt. Dass das jetzt veröffentlichte Buch Sourcier ou Cibliste heißt, also das „und“ im Aufsatz von 1986 durch ein „oder“ im Buchtitel ersetzt wird, ist durchaus signifikant für die intellektuelle Entwicklung, die Ladmiral seit den 1980er-Jahren durchgemacht hat: Anfangs sei es ihm nur darum gegangen, zwei unterschiedliche Typen oder Lager von Übersetzern zu beschreiben, nun aber sei er der Überzeugung, dass jeder Übersetzer eine Entscheidung treffen müsse: „on sera ou sourcier ou cibliste, mais pas les deux à la fois!“ (SC XI) – man könne nur das eine oder das andere sein, einen goldenen Mittelweg gebe es nicht. Dies ist wohl im Sinne des Bekenntnisses zu einer übersetzerischen Grundeinstellung gemeint und nicht als pauschale Negation jeglicher Differenzierungsmöglichkeit je nach Art des zu übersetzenden Textes, der Zielgruppe und des Übersetzungskontextes. Schließlich sind alle Beiträge des Buches Versuche der Differenzierung des Binoms sourcier/cibliste, oft auch in expliziter Reaktion auf Kollegenkritik, allerdings immer von einem klaren persönlichen Standpunkt aus.

Ladmiral ist für alle, die sich mit (Literatur-)Übersetzungstheorie beschäftigen, vor allem deshalb interessant, weil er eine innerhalb der philosophischen Diskussion um Fragen der Literaturübersetzung eher unpopuläre Position einnimmt: Walter Benjamins Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers, auf den sich u. a. Jacques Derrida und Paul de Man produktiv beziehen und der so manchem geradezu als ‚heiliger Text‘ gilt, ist für ihn alles andere als eine positive Referenz. Vielmehr sieht er Benjamin und mehr noch den im Übersetzer-Aufsatz zustimmend zitierten Rudolf Pannwitz („Übertragungen gehen von einem falschen Grundsatz aus, sie wollen das Indische, Griechische, Englische verdeutschen, anstatt das Deutsche zu verindischen, vergriechischen, verenglischen […]“) als Urväter einer verheerenden Fehlentwicklung in der Literatur- und Wissenschaftsübersetzung, die sich für ihn etwa an Laplanches Freud-Übersetzung festmachen lässt. Anders als Goethe, Schleiermacher, Benjamin, Pannwitz und deren Vermittler im französischen Sprachraum, Antoine Berman (L’épreuve de l’étranger. Culture et traduction dans l’Allemagne romantique, 1984), betrachtet Ladmiral die in der deutschsprachigen Übersetzungsfachliteratur häufig als „verfremdend“ (im Gegensatz zu „verdeutschend“ oder „einbürgernd“) bezeichnete Art der Übersetzung nicht als einen Akt der Anerkennung des Fremden und eine Bereicherung der eigenen Sprache, vielmehr sieht er in dem, was er kurz „le littéralisme“ (die Wortwörtlichkeit, salopper formuliert: das „Kleben“ an der Lexik, Syntax und an den rhythmischen oder klanglichen Eigenschaften des Ursprungstextes) nennt, einen Akt der Gewalt gegenüber der Zielsprache, ja letztlich eine Vergewaltigung („viol linguistique“, SC 130). Aus seiner Sicht ist diese Vergewaltigung jedoch nur die letzte Konsequenz des sprachmagischen Konzepts der sourciers, die Übersetzen (ohne sich dessen bewusst zu sein) in sexuellen Kategorien denken, da sie von der Vorstellung ausgehen, die kraftvolle, „männliche“ fremde Sprache würde die schwache, „weibliche“ eigene Sprache bereichern und „befruchten“ (frz.: inséminer, fertiliser, féconder). Ladmiral macht den sourciers zum Vorwurf, den Ausgangstext zu fetischisieren (SC 195ff.) und damit letztlich einem ethisch höchst fragwürdigen sprachlichen Ethnizismus anzuhängen, da die „fremde“ Sprache durch diese Fetischisierung den eigenen exotistischen Bedürfnissen essentialisiert und zugleich gefügig gemacht werde. Dieser münde insofern in einen „geolinguistischen Provinzialismus“ (SC 61), als er auf Minimalisierung kultureller Distanz hinarbeite – schließlich funktioniere solch signifikantenorientiertes Übersetzen ohnehin nur zwischen nahverwandten Sprachen. Solche Attacken richten sich weniger gegen Benjamin als gegen Ladmirals französische Kollegen Antoine Berman, Jean Laplanche und vor allem Henri Meschonnic, Ladmirals Weggenossen, den er als „privaten Freund und theoretischen Gegner“ (SC 183) bezeichnet und der als Hauptadressat der meisten Invektiven kenntlich wird.

Während die sourciers – und Meschonnic scheint für Ladmiral der gefährlichste Hexenmeister zu sein – die „traduction cibliste“ (also die einbürgernde Übersetzung) als dominant, eurozentrisch, kolonialistisch, imperialistisch kritisierten, so solle doch laut Ladmiral gerade umgekehrt der übersetzerische Literalismus der sourciers als tendenziell exotistisch und damit herabwürdigend erkannt werden: Die verfremdende Übersetzung degradiere nämlich letztlich den Ausgangstext, indem sie dem zielsprachlichen Leser anstelle eines literarischen Textes ein bloßes Dokument des Ursprungstextes zur Verfügung stelle („,document cible‘ (ethno-philologisant)“, SC 102). Die einbürgernde Übersetzung der ciblistes dagegen verwandle den Text in ein echtes literarisches Werk („,œuvre-cible‘ (littéraire)“, SC 102). Ladmiral fordert daher eine andere Ethik der Fremdheit innerhalb der Übersetzungswissenschaft: die eigentlich literarische Dimension des Übersetzens liegt für ihn nicht im Sichtbarmachen der Fremdheit des Originals, sondern im Neu-Erfinden der je spezifischen Fremdheit des einzelnen literarischen Kunstwerkes in der eigenen Sprache: „il s’agira d’inventer un style-cible à son auteur-source“ (SC 102, deutsch in etwa: „Es geht darum, einen Ziel-Stil für seinen Ursprungsautor zu erfinden.“). Dazu müsse er jedoch bereit sein, und hier wendet Ladmiral Sartres Existenzialismus ins Traduktologische, die Angst vor der eigenen Freiheit als Übersetzer auf sich zu nehmen. Anders formuliert: Cibliste zu sein erfordert Ladmiral zufolge existenziellen Mut, da der Schwindel der kreativen Freiheit den Übersetzer jedes Mal aufs Neue ergreift.

Dass Ladmirals Buch, wie viele Bücher, auf die es sich bezieht, nicht in Übersetzung vorliegt, macht noch einmal deutlich, dass im Hinblick auf den übersetzungswissenschaftlichen Theorietransfer nach wie vor ein großes Defizit zu beklagen ist. Die Aufsatzsammlung ist für all diejenigen lesenswert, die sich ein Bild von der übersetzungswissenschaftlichen Diskussion in Frankreich bzw. im frankophonen Raum machen wollen. Der scharf antithetische Blick des Autors hat insofern heuristische Vorteile, als er erlaubt, ein wenig Ordnung in das von außen schwer durchschaubare Wirrwarr der großen Namen zu bringen: Da sind Henri Meschonnic, Antoine Berman und Jean Laplanche (der Freud-Übersetzer) auf der einen Seite, Georges Mounin, Lance Hewson, Efim Etkind, Gideon Toury und Ladmiral selbst auf der anderen. Gerade für eine Groborientierung über die verschiedenen Positionen ist das Buch deshalb hilfreich, solange der Leser dessen gewahr bleibt, dass Ladmiral die Standpunkte tendenziös darstellt. Die Lust an der Dichotomisierung verhindert bei Ladmiral nämlich leider eine differenziertere Auseinandersetzung mit den Positionen der von ihm attackierten sourciers, insbesondere mit dem Übersetzungsdenken Meschonnics, der sein Hauptkontrahent ist. Ein Beispiel hierfür: Ladmiral behauptet, die sourciers hingen einem absurden Ideal des wörtlichen Übersetzens („littéralisme“) an, also dem, was man im Französischen mit „calque“ (Durchpausen des Originaltextes) bezeichnet. Den ciblistes hingegen gehe es darum, den Wert („valeur“) des Ursprungstextes zu übersetzen. Nun kritisiert aber Meschonnic ebenfalls das „Durchpausen“ und fordert genau wie Ladmiral, man müsse den Wert („valeur“) eines Textes übersetzen. Ein Widerspruch? Nur zum Teil. Denn der Begriff der „valeur“ ist innerhalb von Meschonnics Übersetzungsdenken nicht funktional definiert wie bei Ladmiral, sondern ergibt sich aus dem je einmaligen „poème“ („Gedicht“ im allgemeineren Sinne, von gr. poiesis) als Text-System, das Meschonnic im Anschluss an die Sprachanthropologie Humboldts sowie an die Sprachtheorien Benvenistes und Saussures (der für ihn gerade kein Strukturalist ist) nicht als Zeichenstruktur, sondern als Aktivität auffasst. Ladmiral wirft zudem Meschonnic und Berman umstandslos in den gleichen Theorie-Topf, obwohl Meschonnic Berman genauso heftig attackiert, wie Ladmiral es selbst tut – allerdings mit anderen Argumenten: Für Meschonnic ist Berman deshalb genauso theoretischer Gegner wie Ladmiral, weil beide sich dem unterwerfen, was Meschonnic das „régime du signe“ nennt, d. i. das Sprachdenken nach dem Zeichenmodell, das seiner Ansicht nach sowohl den Strukturalismus als auch den Poststrukturalismus beherrscht und dessen Kritik sein gesamtes Schaffen gewidmet ist.

In seinem Buch Éthique et politique du traduire (Verdier 2007) geht Meschonnic explizit auf die Antithese ein, für die Ladmiral das Urheberrecht beansprucht: „Sourcier, cibliste, c’est pareil“ (deutsch: „Sourcier, cibliste, alles einerlei“) heißt das Kapitel, in dem er darlegt, dass sich sein eigenes Übersetzungsdenken gerade außerhalb der Dichotomie situiere, die für Ladmiral so zentral ist. Meschonnic sieht sich selbst also mitnichten als sourcier, sondern tritt für die Überwindung des auf dem Dualismus von signifié und signifiant basierenden Denkmodells ein, das der Ladmiral’schen Alternative zugrunde liegt. Über die philosophische Grundlage seiner Kritik am Zeichendenken, die auf eine radikale Neukonzeptualisierung des Zusammenhangs von Subjektivität und Schrift (écriture) hinausläuft und in eine Ethik sowie auch in eine Politik des Übersetzens mündet, erfährt man in Sourcier ou cibliste jedoch nichts Näheres. Das ist umso erstaunlicher, als Ladmiral sich ja selbst ausdrücklich als Übersetzungsphilosoph betrachtet: Gerade derjenige, der die Positionen seiner Gegner aus eigener Lektüre kennt, gewinnt den Eindruck, Ladmiral gehe einer echten philosophischen Auseinandersetzung aus dem Weg. Sein Buch hätte deutlich mehr Gewicht, wenn es seine Gegner ernster nehmen würde.

Ladmirals große Stärke aber ist sein lebendiger Sprachduktus: Die scheinbar spontan niedergelegten Beiträge, die mit Anekdotischem nicht sparen, sind immer unterhaltsam, obwohl es um die „schwere Kost“ der Theorie geht. Zahlreiche Metaphern aus dem sexuellen oder kulinarischen Bereich, die der Autor oft mit einem Augenzwinkern verwendet, sind mal plastisch, mal eher drastisch, und verraten viel Sinn für Humor und Selbstironie. Sichtbar wird aber nicht zuletzt ein Universitätslehrer alter Schule, dessen Liebe zur französischen Sprache sich in manchmal umständlich-altmodischen Wendungen, aber insgesamt in einer diskret zur Schau getragenen Eleganz niederschlägt: Hier spricht nicht nur der selbsternannte Archäotraduktosaurus, hier spricht auch einer der letzten Grandseigneurs der französischen Universitätskultur, einer, der sein Sprachwerk ebenso pflegt wie sein Schuhwerk und der seine Subjonctif II-Formen mit der gleichen Delikatesse auswählt wie den Rotwein beim Dîner.

Jean-René Ladmiral: Sourcier ou cibliste. Paris: Les Belles Lettres 2014 (= coll. Traductologiques 3), 304 S.

Jean-René Ladmiral, Prof. Dr. phil., geb. 1942, lehrte bis zu seiner Emeritierung deutsche Philosophie, Deutsch für Philosophen und Übersetzungswissenschaft an der Universität Paris-X-Nanterre und unterrichtete Übersetzung und Übersetzungswissenschaft am Institut de management et communication interculturels (ISIT) in Paris.

Vera Viehöver lehrt Deutsche Literatur an der Université de Liège. Sie ist Mitglied des dortigen Centre Interdisciplinaire de Rercherche en Traduction et Interprétation (CIRTI) und assoziiertes Mitglied des Centrum voor Literatuur en Vertaling (CLIV) an der Universität Gent. www.cea.ulg.ac.be