Liebe Leserinnen und Leser!

wen lesen wir eigentlich, wenn wir Bücher lesen? In der Regel wird in der Rezeption von Literatur kein Unterschied gemacht zwischen deutschsprachigen Texten und solchen, die auf dem deutschen Buchmarkt als Übersetzung erscheinen. Häufig wird übersehen, dass wir eigentlich den Stil der deutschen Übersetzerinnen und Übersetzer meinen, wenn wir die ästhetische Qualität der Werke betrachten. Auch in der Literaturkritik wird die Übersetzung nur in seltenen Fällen wahrgenommen oder werden Übersetzernamen nicht einmal erwähnt.

Diese Lücke möchte ReLü füllen. Neben Rezensionen zu literarischen Texten, die bewusst im Hinblick auf ihre Übersetzung vorgestellt werden, erscheinen an dieser Stelle Besprechungen übersetzungswissenschaftlicher Werke und weitere Texte rund ums Übersetzen.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht die ReLü-Redaktion

Übers Übersetzen

Buchcover
Thomas Wagner über einen
Kommentar des Papstes Franziskus zu einer Vaterunser-Bitte in deutschen Bibelübersetzungen
In Frankreich wurde kürzlich das Vaterunser Gebet geändert, in Deutschland findet aktuell eine Debatte genau darüber statt, ob der Vers „Und führe uns nicht in Versuchung“ irreführend übersetzt sei – komme es doch nicht Gott, sondern dem Satan zu, uns zu versuchen. So lobt Papst Franziskus die französische Änderung von „Ne nous soumets pas a la tentation“ (dt.: „Unterwerfe uns nicht der Versuchung“) zu „Ne nous laisse pas entrer dans la tentation“ („Lass uns nicht in Versuchung geraten“), die zum ersten Advent dieses Jahres umgesetzt wurde. Thomas Wagner hinterfragt die Bedeutung des Verses in seinem historischen Kontext und weist auf zeitaktuelle Implikationen der päpstlichen Exegese hin.

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Buchcover
Mona Eikel-Pohen über
die Verwendung des Konjunktivs in Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem (1963)
Hannah Arendt begleitete im Jahr 1961 den Gerichtsprozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und berichtete darüber im New Yorker. Ihre Darstellung der „Banalität des Bösen“ führte diesseits und jenseits des Atlantiks zu großen Kontroversen. In Buchform erschien der Text zunächst auf Englisch, die deutsche Fassung wurde von Brigitte Granzow übersetzt und von Hannah Arendt durchgesehen. Mona Eikel-Pohen fragt in ReLü, ob womöglich auch die Verwendung des Konjunktivs die Kritik an Arendt provoziert haben könnte, wodurch die Frage nach der Macht von Sprache ein besonderes Gewicht erhält.

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Literatur

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Sabrina Sandmann über
Sonnenfinsternis von Arthur Koestler
in englischer Übersetzung, Rückübersetzung und im Original
Arthur Koestler gilt als einer der bedeutendsten Autoren und Journalisten während des zweiten Weltkriegs. In seinem wohl bekanntesten Roman Sonnenfinsternis aus dem Jahr 1940 schildert er die Erfahrungen aus seiner Zeit in der Kommunistischen Partei und während des Krieges. Dazu gehören: Inhaftierung, Folterung und Beinahe-Exekution. Eine kuriose Publikationsgeschichte begleitet dieses Buch: der Roman erschien zunächst auf Englisch, da sein deutsches Original lange Zeit als verschollen galt. Später wurde die deutsche Version vom Autor selbst rekonstruiert – teils als Rückübersetzung aus dem Englischen. Doch im Jahr 2015 tauchte dann das Original wieder auf!

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Felix Pütter über
Die Übersetzerin von John Crowley
aus dem Englischen übersetzt von André Taggeselle
Was unterscheidet eine gelungene Übersetzung von einer missratenen? Wenn wir Die Übersetzerin von John Crowley in der deutschen Übersetzung von André Taggeselle lesen, begegnet uns diese Frage gleich doppelt: Zum einen in den metapoetischen Reflexionen und den Übersetzungsprojekten der erzählten Geschichte, zum anderen, da wir eine Übersetzung aus dem Englischen lesen. Felix Pütter liest und analysiert in seiner Rezension beide Ebenen gemeinsam.

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Wissenschaft

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Vera Viehöver über
"Brüderliche Egoisten". Die Gedichtübersetzungen aus dem Spanischen von Erich Arendt und Hans Magnus Enzensberger von Claus Telge
Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017
Übersetzer sollen sich nicht in frevelhafter Selbsterhöhung zum Autor aufschwingen, dies ist wohl einer der bekanntesten Allgemeinplätze im Diskurs über die Qualität von literarischen Übersetzungen. Besonders häufig und in zugespitzter Form begegnet man diesem Vorwurf da, wo Dichter Dichter übersetzen und eine Übersetzungssprache schaffen, die die Nähe zur eigenen poetischen Sprache nicht verleugnen kann. Claus Telge löst sich in seiner Dissertation zu den Gedichtübersetzungen Erich Arendts (1903–1984) und Hans Magnus Enzensbergers (*1929) konsequent von dieser verbreiteten normativen Sicht und spricht daher von „Autor-Übersetzern“. Nicht übersetzerische Treue interessiert ihn, sondern das Netz an Intertexten, das sich hier in besonderer Weise entspinnt.

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Vera Viehöver über
Sourcier ou cibliste von Jean-René Ladmiral
Jean-René Ladmiral, der sich selbst als „letzten Überlebenden eines längst vergangenen, vordigitalen Erdzeitalters der Übersetzung“ sieht, gehört zu den Gründungsvätern der institutionalisierten Übersetzungswissenschaft in Frankreich. Der Band Sourcier ou cibliste (2014) versammelt Beiträge des Autors aus mehr als drei Jahrzehnten, die bislang zum Teil nur schwer auffindbar waren: die Bilanz eines leidenschaftlichen Kämpfers, der ein Übersetzen für die Leser fordert – scharf im Urteil gegen die Sakralisierung und Fetischisierung von literarischen Texten.

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