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	<title>ReLü</title>
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	<description>Rezensionszeitschrift zur Literaturübersetzung</description>
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		<title>Wie aus Treue Untreue wird</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:07:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Vera Elisabeth Gerling</dc:creator>
				<category><![CDATA[12 Sonstige]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Anspruch der ‚Treue‘ sehen sich &#220;bersetzer stets aufs Neue konfrontiert. Erscheint es doch jedem auf den ersten Blick schl&#252;ssig, dass eine ‚getreue‘ Wiedergabe des Ausgangstextes erstrebenswert sei, und hierunter wird traditionell eine w&#246;rtliche &#220;bersetzung verstanden. Steigt man jedoch tiefer und detaillierter in die Materie ein, wird dieser Begriff der Treue problematisch, da bereits [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2062"></span>Mit dem Anspruch der ‚Treue‘ sehen sich &#220;bersetzer stets aufs Neue konfrontiert. Erscheint es doch jedem auf den ersten Blick schl&#252;ssig, dass eine ‚getreue‘ Wiedergabe des Ausgangstextes erstrebenswert sei, und hierunter wird traditionell eine w&#246;rtliche &#220;bersetzung verstanden. Steigt man jedoch tiefer und detaillierter in die Materie ein, wird dieser Begriff der Treue problematisch, da bereits die Ma&#223;gabe der W&#246;rtlichkeit die tats&#228;chliche Verschiedenheit von Sprachen ignoriert. Gerade hinsichtlich literarischer Texte kann der Begriff der Treue nur dann G&#252;ltigkeit besitzen, wenn er die Hermeneutik einschlie&#223;t: Treu w&#228;re der &#220;besetzer dann <em>einer</em> Lesart und <em>einer</em> Interpretation des Textes. Bei Valery Larbaud finden wir hierzu interessante – und erstaunlich aktuelle – Einsichten.</p>
<p>Valery Larbaud (1881-1957) war ein reisender Dandy, literarischer Weltb&#252;rger, konvertierter Katholik und &#252;berzeugter Europ&#228;er. Sein literarisches Schreiben umfasst die Genres Prosa, Lyrik, Essay und &#220;bersetzung. In seinem Buch <em>Sous l&#8217;invocation de Saint Jérôme</em> (1946) widmet sich Larbaud, ausgehend von der Figur des Heiligen Hieronymus (der als Bibel&#252;bersetzer und Urheber der <em>Vulgata </em>zum Schutzpatron der &#220;bersetzer wurde), verschiedenen Aspekten des &#220;bersetzens und vertritt dabei einen dezidiert hermeneutischen Ansatz, welcher vom Verstehen der Vorlage ausgeht. Bereits in Hieronymus‘ ber&#252;hmtem Brief &#252;ber das &#220;bersetzen <em>De Optimo Genere Interpretandi</em> werde das &#220;bersetzen als hermeneutisches Verfahren pr&#228;sentiert, solle doch der &#220;bersetzer „rendre plutôt le sens que les mots des textes“ („eher den Sinn denn die W&#246;rter des Textes wiedergeben“, Larbaud 1997:46).<a name="_ednref1" href="#_edn1">[1]</a> Larbauds Textverst&#228;ndnis ist modern, er vertraut nicht auf einen eindeutig bestimmbaren Sinn sprachlicher &#196;u&#223;erungen. Die Moderne stellt etablierte Vorannahmen in Frage, wie z.B. jegliche ph&#228;nomenologische Koh&#228;renz von Welt und in diesem Sinne auch die Autorit&#228;ten von Original und Autor. Somit werden Texte als vielstimmig, als im steten Wandel befindlich verstanden und &#220;bersetzungen als dem so genannten Original gleichberechtigte Versionen, wobei alle Texte letztendlich Bruchst&#252;cke eines sich stets erweiternden Textkosmos’ sind. Larbauds Zeitgenosse Walter Benjamin mit seinem ber&#252;hmten Aufsatz „Die Aufgabe des &#220;bersetzers“ aus dem Jahr 1923 liegt hier nicht fern.</p>
<p>Bereits im Jahr 1913 publiziert Larbaud einen kleinen Aufsatz mit dem Titel „De la traduction“ („Vom &#220;bersetzen“), in dem er das &#220;bersetzen als individuelle Interpretationsleistung darstellt. Schon in diesem fr&#252;hen Text &#252;berrascht ein unkonventionelles, die sp&#228;tere Intertextualit&#228;tsdebatte vorwegnehmendes Textverst&#228;ndnis, das sich jenseits der Chronologie klassischer Literaturgeschichtsschreibung behauptet. So sei etwa f&#252;r ihn Vergil nicht ohne Rimbaud verst&#228;ndlich: „Il faut que je m’instruise en dépit de l’ignorance de mes professeurs et de la sottise des règlements universitaires. Illettrés, qui voulez que j’entende Virgile et qui me confisquez ce Rimbaud!“ („Ich muss mich ungeachtet der Ignoranz meiner Professoren und der Dummheiten der universit&#228;ren Regeln weiterbilden. Banausen, die ihr von mir verlangt, Vergil zu verstehen, mir aber Rimbaud verbietet!“, Larbaud 1992:233).</p>
<p>Dieses moderne, Hierarchien und Traditionen durchkreuzende Textverst&#228;ndnis findet seinen Niederschlag insbesondere in Larbauds aus verschiedenen Genres (Erz&#228;hlung, Lyrik, fiktive Autobiographie) bestehendem, bedeutendsten literarischen Werk <em>A. O. Barnabooth. </em><em>Ses œuvres complètes c’est-à-dire un conte, ses poésies, et son journal intime</em><a name="_ednref2" href="#_edn2">[2]</a> (1908). Denn die lyrischen Werke des Protagonisten Barnabooth (eines Alter Egos des Autors), genannt „Poèmes par un riche amateur“, werden in einem fiktiven Artikel, den der ebenso fiktive Herausgeber Xavier Maxence Tournier de Zambre in seinem fiktiven Vorwort zitiert, als unmarkierte &#220;bersetzungen aus verschiedensten Sprachen, insbesondere aus dem lateinamerikanischen Spanisch, enth&#252;llt. Der fiktive Autor Barnabooth nimmt dies hingegen nicht als Kritik an: Die seine Plagiate auflistende Tabelle, in der angeblich die &#220;bernahme aus Werken von 300 Autoren nachgewiesen wird, vergleicht er seinem Herausgeber gegen&#252;ber mit einer Urinanalyse. Tats&#228;chlich ist f&#252;r Barnabooth das Plagiat keineswegs anr&#252;chig, was vor dem Hintergrund einer sich als modern verstehenden Konzeption von Text und &#220;bersetzung nachvollziehbar ist. So wird auch George Steiner in <em>After Babel </em>schreiben: „Zwei Aussagen, die zeitlich aufeinanderfolgen, sind niemals vollkommen identisch“. F&#252;r Larbaud stellt denn auch das &#220;bersetzen eine Aneignung, sprich Inbesitznahme dar, dem Plagiat nicht un&#228;hnlich:</p>
<p style="padding-left: 30px;">Car, traduire un ouvrage qui nous a plu, c&#8217;est pénétrer en lui plus profondément que nous ne pouvons le faire par la simple lecture, c&#8217;est le posséder plus complètement, c&#8217;est en quelque sorte nous l&#8217;appropier. Or, c&#8217;est à cela que nous tendons toujours, plagiaires que nous sommes tous, à l&#8217;origine.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(Ein Werk zu &#252;bersetzen, das uns gef&#228;llt, bedeutet n&#228;mlich, tiefer darin einzudringen, als es uns durch die einfache Lekt&#252;re gelingen mag, bedeutet, es vollst&#228;ndiger zu besitzen, es uns in gewisser Hinsicht anzueignen. Danach streben wir folglich immer, sind wir doch alle urspr&#252;nglich Plagiatoren. Larbaud 1997:69)</p>
<p>Zudem nimmt er durch den Vergleich mit einer Urinanalyse eine sarkastische Kritik an rein quantitativen, quasi naturwissenschaftlichen Methoden der Bewertung von Literatur und &#220;bersetzung vor. So kann Barnabooth seinen Kritiker mit dessen eigenen Mitteln schlagen, sei es doch gar nicht m&#246;glich, ihm 16.034 imitierte Verse nachzuweisen, wo sein lyrisches Werk doch lediglich 12.500 Verse umfasse.</p>
<p>Ein solcher Blick auf den Status von Texten wirft seine Schatten voraus auf eine poststrukturalistische Text- und &#220;bersetzungsphilosophie, die den Endg&#252;ltigkeitsstatus von Originaltexten untergr&#228;bt. So vertritt Paul de Man mit Bezug auf Walter Benjamins &#220;bersetzeraufsatz die Ansicht: „[...] the original [...] cannot be definitive since it can be translated.“</p>
<p>Dieses Verst&#228;ndnis von Text als offenes Geflecht potentiell unendlicher Bez&#252;ge verweist darauf, dass Larbaud Texte nicht als unver&#228;nderbare, autoritative Originale ansieht. Dies basiert auf seiner Annahme, schon die Sprache selbst befinde sich in stetem Wandel, er spricht von „l&#8217;instabilité et du caractère essentiellement passager des langues“ („Instabilit&#228;t und dem grunds&#228;tzlich vor&#252;bergehenden Charakter der Sprachen“, Larbaud 1997:110). Folglich stellen f&#252;r ihn Texte auch keine starren Gebilde dar: „L&#8217;immobilité du texte imprimé est une illusion d&#8217;optique“ („die Unbeweglichkeit eines gedruckten Textes ist eine optische T&#228;uschung“, 1997:78).</p>
<p>Wenn nun Sprache und Text sich in stetem Wandel befinden und das Geflecht intertextueller Bez&#252;ge auch auf pers&#246;nlichen Lekt&#252;reerfahrungen beruht, so kann das Textverstehen nur eine individuelle Momentaufnahme sein. Der hermeneutische Prozess w&#228;re somit, wie es George Steiner noch dezidierter darstellen wird, ein inflation&#228;rer, nie endender, der stets neue Interpretationsm&#246;glichkeiten hervorbringt, die auch nicht zwangsl&#228;ufig mit einer wie auch immer zu eruierenden ‚Autorintention‘ &#252;bereinstimmen m&#252;ssen. Larbauds eigenes Pl&#228;doyer f&#252;r die &#220;bersetzung als individuelle Interpretation k&#246;nnte eindeutiger nicht sein: „Ma traduction ne veut être qu’interprétation personnelle. C’est ma traduction, non celle d’un autre, que je vous offre“ („Meine &#220;bersetzung will nichts anderes sein als pers&#246;nliche Interpretation. Es ist meine &#220;bersetzung, nicht die eines anderen, die ich euch anbiete.“ 1997:234).</p>
<p>Larbaud gesteht dem &#220;bersetzer ein hohes Ma&#223; an Eigenst&#228;ndigkeit und Autorit&#228;t zu, etwa das Recht, W&#246;rter zu ersetzen oder sogar Passagen auszulassen. Dazu bezieht er sich auf Aussagen Joseph de Maistres, der sich zu Pierre Costes &#220;bersetzung von John Lockes <em>Essay concerning human understanding</em> (<em>Versuch &#252;ber den menschlichen Verstand</em>) &#228;u&#223;ert. Dieser h&#228;lt es f&#252;r schl&#252;ssig, dass Coste <em>Caius</em> durch <em>Titius</em> oder auch <em>N&#252;sse</em> durch <em>Aprikosen</em> ersetzt, da es f&#252;r den Zielkontext passender sei. Selbst die Auslassung einer l&#228;ngeren Passage erscheint ihm legitim, wenn der &#220;bersetzer diese als f&#252;r den Text &#252;berfl&#252;ssig und unn&#252;tz erachte. &#220;ber solcherlei – gewiss auch provokant gemeinte – &#196;u&#223;erungen kann man geteilter Meinung sein, auch w&#228;re der Kontext hier genauer zu betrachten. Von Bedeutung ist hier jedoch, dass nach Larbaud der &#220;bersetzer eben nicht h&#246;riger Diener des Autors sein soll, nicht „fidèle jusqu&#8217;à l&#8217;anéantissement de sa propre personnalité intellectuelle“ („treu bis zur Aufgabe der eigenen intellektuellen Pers&#246;nlichkeit“, 1997:9). Dementsprechend k&#246;nne eine &#220;bersetzung nicht gelingen, wenn man sich Text und Autor gegen&#252;ber verhalte, „comme un esclave, attentif aux gestes de son maître“ („wie ein Sklave, jeder Geste seines Herrn folgsam“, 1997:63).</p>
<p>Sklavische, w&#246;rtliche &#220;bersetzungen k&#246;nnen nach Larbaud nicht gelingen, da sie den <em>literarischen</em> Sinn eines Textes, der haupts&#228;chlich in seiner Poetik bestehe, nicht zu erschlie&#223;en verm&#246;gen. So kritisiert de Sanctis die Vergil-&#220;bersetzung Leopardis mit folgender Aussage: „cet italien n&#8217;est pas autre chose que la lettre toute nue du texte latin, et il ne fait naître ni ces images, ni ces harmonies, ni ces sentiments“ („dieses Italienisch ist nichts anderes als die nackte Wortfolge des lateinischen Textes, und er erweckt weder dessen Bilder noch dessen Harmonien oder Gef&#252;hle zum Leben“, Larbaud 1997:63). In seinem Hieronymus-Buch spricht er sich denn auch explizit aus gegen „le mot à mot insipide et infidèle à force de servile fidélité“ („das fade Wort zu Wort, diese sich in Untreue wandelnde untert&#228;nige Treue“, 1997:58).</p>
<p>Letzten Endes stellt f&#252;r Larbaud das &#220;bersetzen das Resultat einer Liebeserinnerung mit dem zu &#252;bersetzenden Text dar:</p>
<p style="padding-left: 30px;">C’est l’enthousiasme d’une lecture, que je vous apporte; c’est une aventure, une conversation avec un géant, les amours d’un explorateur avec la fille d’un roi sauvage. J’ai vécu six mois de délices avec ce poème, et voici ce que j’en rapporte. C’est un souvenir d’amour, et peut-être bien que, pour cette raison précisément, il n’a de valeur que pour moi.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(Was ich Euch bringe, ist begeisterte Lekt&#252;re; es ist ein Abenteuer, ein Austausch mit einem Riesen, die Liebschaft eines Forschers mit der Tochter eines wilden Herrschers. Sechs Monate lang habe ich mit den Wonnen dieses Gedichts gelebt, und dies vermittle ich euch davon. Es ist eine Liebeserinnerung und hat genau aus diesem Grunde wom&#246;glich allein f&#252;r mich einen Wert. Larbaud 1992:234)</p>
<p>&#220;bersetzen kommt f&#252;r Larbaud demnach der Liebe gleich, erhaben jedoch &#252;ber den moralischen Anspruch der Treue.</p>
<p>Larbaud, Valery (1992, <sup>1</sup>1913): „De la traduction“, in: <em>L’Herne: Valery Larbaud</em>, Paris: Editions de L’Herne, S. 232-235 (<sup>1</sup><em>L’Effort libre</em>, November 1913, S. 90-99)</p>
<p>Ders. (1997, <sup>1</sup>1946): <em>Sous l&#8217;invocation de Saint Jérôme</em>, Paris: Gallimard</p>
<p><a name="_edn1" href="#_ednref1">[1]</a> Das Hieronymus-Buch Larbauds ist bislang nur in Ausz&#252;gen in deutscher &#220;bersetzung erschienen. Die hier zitierten Stellen wurden von der Verfasserin &#252;bersetzt.</p>
<p><a name="_edn2" href="#_ednref2">[2]</a> W&#246;rtlich auf Deutsch: <em>A. O. Barnabooth: Seine gesammmelten Werke, sprich eine Erz&#228;hlung, seine Lyrik und sein pers&#246;nliches Tagebuch</em>, erschienen auf Deutsch zun&#228;chst 1962 in der 	&#220;bersetzung von Georg Goyert bei dtv unter dem Titel <em>A. 	O. Barnabooth: Tagebuch eines Milliard&#228;rs</em>, 	1986 mit Angabe des gleichen &#220;bersetzers dann als <em>S&#228;mtliche 	Werke des A. O. Barnabooth</em> bei Ullstein.</p>
<p><!--more--></p>
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		<title>Viele Samen auf Reisen</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:06:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Caroline Sauter</dc:creator>
				<category><![CDATA[12 Sonstige]]></category>

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		<description><![CDATA[Saint-John Perses Anabase ist ein einziger langer Satz, der kaum Zeit l&#228;sst, Atem zu sch&#246;pfen, der keine Z&#228;sur zul&#228;sst; ein Strom aus Worten, der sich &#252;ber die Seiten ergie&#223;t. Ein Kritiker bezeichnet das Werk zurecht als „poème en marche“, und in der Tat erinnert Perses Anabase an Xenophons Anabasis, an den darin beschriebenen langen, entbehrungsreichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2056"></span>Saint-John Perses<em> Anabase</em> ist ein einziger langer Satz, der kaum Zeit l&#228;sst, Atem zu sch&#246;pfen, der keine Z&#228;sur zul&#228;sst; ein Strom aus Worten, der sich &#252;ber die Seiten ergie&#223;t. Ein Kritiker bezeichnet das Werk zurecht als „poème en marche“, und in der Tat erinnert Perses <em>Anabase</em> an Xenophons <em>Anabasis</em>, an den darin beschriebenen langen, entbehrungsreichen „Marsch der Zehntausend“. Allerdings besteht diese &#196;hnlichkeit weniger auf einer inhaltlichen als vielmehr auf einer sprachlich-stilistischen Ebene: <em>Anabase</em> ist ein ununterbrochener Zug von tausenden Sprach-Bildern, die nur aufscheinen, um direkt wieder zu verblassen, das epische Gedicht ist permanent im Aufbruch, st&#228;ndig in Bewegung. Sprachlich h&#228;ufen sich im Text Verlaufsformen von Bewegungsverben, der lyrische Kosmos ist  „en voyage“, „en marche“…</p>
<p>Doch es ist ein Aufbrechen ohne Ankommen. „The poem is a series of images of migration”, schreibt T.S. Eliot im Vorwort zu seiner <em>Anabasis</em>-&#220;bersetzung. Tats&#228;chlich stellt der Text Migration und Exil als Erfahrung der Menschheit &#252;berhaupt dar, und zwar schlicht deshalb, weil der Mensch mit Sprache umgeht, um seine Welt zu verstehen, zu erkl&#228;ren und zu beschreiben. Saint-John Perses Gedicht zelebriert die Erfahrung sprachlicher Fremdheit angesichts einer wirren Welt („… que ce monde est insane!“). Der Erz&#228;hler (er ist ein Fremder: „l’Étranger“) befindet sich als Abenteurer in dieser Welt, die seine eigene ist; er dringt als Pionier ins Unbetretene vor, er wird zum  Eroberer, der alles Bisherige zerst&#246;rt und daraus Neues schafft. Er gr&#252;ndet in der W&#252;ste eine neue Stadt mit einem reinen Namen<a name="_ednref1" href="#_edn1">[1]</a>, nur um sie wieder zu verlassen, weiterzuziehen, vielleicht hinaus aufs offene Meer. Ebenso werden im Text Gedanken-Geb&#228;ude nur aufgebaut, um sie wieder einzurei&#223;en, und literarische Topoi – insbesondere solche aus orientalischen Sakraltexten, vor allem der hebr&#228;ischen Bibel – nur zitiert, um sie sogleich wieder zu brechen: Milch und Honig flie&#223;en zwar – aber wer wei&#223;, wo? Wer wei&#223;, wohin? Wer wei&#223; &#252;berhaupt irgend etwas im Dschungel der Sprachen und der Bilder?<a name="_ednref2" href="#_edn2">[2]</a></p>
<p>Der Sprach-Eroberer ist absolut frei – auch frei von literarischen Normen, Konventionen, Traditionen. Er lebt deshalb in selbstgew&#228;hlter Einsamkeit (sein Ausruf „Solitude!“ skandiert den Text), st&#246;bert auf den Streifz&#252;gen durch seine Sprache seltene, fremdartige W&#246;rter auf („des voix amygdaliennes“, „un adalingue“, „l’acalyphe“), erfindet Neologismen, bewegt sich an der Grenze der ‚Verst&#228;ndlichkeit‘ und zeigt doch gerade dadurch den m&#246;glichen Weg hin zu einer ‚neuen‘, einer ‚anderen‘ Sprache, die &#252;ber herk&#246;mmliche Begriffe hinausgeht. Doch diese Sprache bleibt unsagbar, sie manifestiert sich nicht, der Weg ist von den W&#246;rtern der menschlichen Sprache versperrt. Saint-John Perses Poesie ist Kontemplation und Kult des Fremden. Es besteht eine un&#252;berbr&#252;ckbare Differenz zwischen Erfahrung und Empfinden, zwischen Sprache und Welt, zwischen ‚Wort‘ und ‚Ding‘. Perses Sprache zerst&#246;rt das Vertraute um des Aufbruchs zum Unbekannten willen, aber vor dem Unbekannten, dem Anderen, versagt die Sprache und kann nur noch fremdartig t&#246;nen. Die Sprache wird sich selbst fremd.</p>
<p>Walter Benjamin entwirft zwei Jahre vor seiner <em>Anabase</em>-&#220;bersetzung im Vorwort zu seinen Baudelaire-&#220;bertragungen eine Konzeption des &#220;bersetzens, die dieser Poetik sehr nahe steht. Allzu h&#228;ufig wird <em>Die Aufgabe des &#220;bersetzers</em> (1923) als ‚&#220;bersetzungsanleitung‘ missverstanden,  jedoch muss sie vielmehr als Sprach- und &#220;bersetzungsphilosophie gelesen, verstanden und ernstgenommen werden. Benjamin gibt in seiner Vorrede keine normativen Vorgaben f&#252;r ‚gutes‘ &#220;bersetzen, sondern stellt vielmehr dar, wie die Macht und die Ohnmacht der Sprache gedacht werden k&#246;nnen. Seine Schl&#252;sse sind radikal und nicht selten zutiefst verst&#246;rend. So deutet er zum Ende seines Vorwortes eine „ungeheure und urspr&#252;ngliche Gefahr aller &#220;bersetzung“ an: n&#228;mlich diejenige, „da&#223; die Tore einer so erweiterten und durchwalteten Sprache zufallen und den &#220;bersetzer ins Schweigen schlie&#223;en.“ (IV.1, 21) Eine erweiterte und durchwaltete Sprache ist eine solche, in der „die Harmonie der Sprachen“ so tief ist, „da&#223; der Sinn nur noch wie eine &#196;olsharfe vom Winde der Sprache ber&#252;hrt wird“ (ebd.). Die Harmonie der Sprachen, auf die die &#220;bersetzung hinzudeuten vermag, kann, ja: <em>muss</em> also vom Sinn „in sehr hohem Ma&#223;e absehen“ (IV.1, 18). Es geht der &#220;bersetzung nicht um ‚Sinn‘, „also Unwesentliches“ (IV.1, 9), sondern vielmehr um die Andeutung einer Sprache, die Benjamin die „reine Sprache“ nennt – eine Sprache jenseits dessen, was mit Sprache und ihren Begriffen ‚gesagt‘ werden kann. Diese reine Sprache, „die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erl&#246;sen“ (IV.1, 19), bezeichnet Benjamin als die – unl&#246;sbare? – Aufgabe des &#220;bersetzers. Da nun aber die reine Sprache unaussprechlich ist, der &#220;bersetzer jedoch in sprechbarer Sprache spricht, herrscht hier – wie bei Saint-John Perse – eine un&#252;berbr&#252;ckbare Diskrepanz zwischen der Sprache und dem, was sie ausdr&#252;cken kann. Mit anderen Worten: die Sprache der &#220;bersetzung muss versagen vor der reinen Sprache, auf die die &#220;bersetzung hindeuten soll. Die &#220;bersetzung, die Sinn anstrebt, muss scheitern, denn sie ist nichts als „eine ungenaue &#220;bermittlung eines unwesentlichen Inhalts“ (IV.1, 9). Nur ein solcher Text – und es ist tats&#228;chlich nur <em>ein</em> Text: n&#228;mlich der Heilige – ist &#252;bersetzbar schlechthin, der nicht &#252;bersetzt werden (kann und) muss, wenn der &#220;bersetzer im Schweigen, im Versagen der Sprache vor dem, was sie ‚sagen‘ m&#246;chte, in der Interlinearversion mit dem Text verschmelzen kann.</p>
<p>Zwischen Saint-John Perse und seinem &#220;bersetzer Walter Benjamin besteht eine subtile poetologische &#220;bereinstimmung, die davon ausgeht, dass die Diskrepanz zwischen der ‚Sprache‘ und ihrem ‚Inhalt‘, zwischen ‚Wort‘ und ‚Ding‘ ein Paradigma des menschlichen Sprachhandelns &#252;berhaupt darstellt. Unter dieser Pr&#228;misse erscheint Benjamins &#220;bersetzung von Saint-John Perse in einem anderen Licht.</p>
<p>Zun&#228;chst wirkt sie, wie der Herausgeber der Benjamin‘schen <em>Anabase</em>-&#220;bersetzung, Rolf Tiedemann, richtig feststellt, „unzug&#228;nglich und rauh“, sie „strebt W&#246;rtlichkeit an“ (vgl. GS Suppl. I, 451). Oft fehlt es der &#220;bersetzung in der Tat an sprachlicher Eleganz: so umschreibt Benjamin sehr h&#228;ufig Perses Adjektive oder Nomina durch Relativsatzkonstruktionen, wie etwa in Kapitel III, in denen Perses herrliche „voix amygdaliennes“ zu „Stimmen, die an Mandeln gemahnen“ werden (S. 57/ 58); oder in Kapitel X, in dem „l’acuponcteur“ &#252;berpr&#228;zise als „der mit Nadelstichen das Bauchgrimmen heilt“ (S. 75/76) &#252;bersetzt wird. Auch handfeste <em>contresens</em>-Fehler haben sich in seine &#220;bertragung eingeschlichen: etwa versteht Benjamin „un enfant triste comme la mort des singes – sœur ainée d’une grande beauté“ f&#228;lschlicherweise als „ein Kind, traurig wie der Tod der Affen – ihre &#228;ltere Schwester von gro&#223;er Sch&#246;nheit“ (S. 62/63 – tats&#228;chlich bezieht sich „sœur ainée“ auf „l’enfant“, und der Einschub m&#252;sste korrekt lauten: „die &#228;ltere Schwester einer gro&#223;en Sch&#246;nheit“). Auch den Verlegern im Insel-Verlag schien &#252;brigens in den sp&#228;ten 1920er Jahren Benjamins &#220;bersetzung so wenig gelungen, dass sie sie neu in Auftrag gaben und die deutsche <em>Anabasis</em> schlie&#223;lich – wenn auch deutlich sp&#228;ter, n&#228;mlich erst 1950 – in der &#220;bertragung Bernhard Groethuysens erschien<a name="_ednref3" href="#_edn3">[3]</a>.</p>
<p>Kleinlich nach Fehlern in einer &#220;bersetzung zu suchen, ist jedoch ein m&#252;&#223;iges und sogar unlauteres Gesch&#228;ft. Vielmehr muss man sich der viel spannenderen Frage stellen: Was tut diese &#220;bersetzung? Wie affiziert sie die Sprache, in,  mit und zwischen der sie agiert? Es ist v&#246;llig unerheblich, ob eine &#220;bersetzung ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ ist – in jedem Fall ist sie merk-w&#252;rdig, denn es klingt und schwingt in ihr notwendigerweise – da sie sich in, zwischen und durch die Sprachen bewegt – eine Aussage &#252;ber die Sprache &#252;berhaupt, ihre M&#246;glichkeiten und Grenzen, ihre Sch&#246;nheiten und Gefahren mit. So auch im vorletzten Abschnitt der <em>Anabase</em>, einem Ausschnitt aus Kapitel X:</p>
<p style="padding-left: 30px;" lang="fr-FR">[…] mais par dessus les actions des hommes sur la terre, beaucoup de signes en voyage, beaucoup de graines en voyage, et sous l’azyme du beau temps, dans un grand souffle de la terre, toute la plume des moissons! …jusqu’à l’heure du soir où l’étoile femelle, chose pure et gagée dans les hauteurs du ciel… (S. 80)</p>
<p style="padding-left: 30px;">[…] aber &#252;ber den Unternehmungen der Menschen auf der Erde viele Zeichen auf Reisen, viele Samen auf Reisen, und unter den Mazzoth des sch&#246;nen Wetters, in einem tiefen Hauch aus der Erde, alle die Daunen der Ernten! &#8230;bis zur Stunde des Abends, wo der weibliche Stern, das reine Ding, das am hohen Himmel besoldet ist… (S. 81)</p>
<p>Benjamins Text stellt sich der (syntaktischen, prosodischen, lexikalischen) Fremdheit des Originaltextes, indem er diese wiederum verfremdet und damit das Thema der Fremde und des Exils zum Thema der Sprache &#252;berhaupt macht: Er f&#252;gt in einen bereits fremden Text eine noch fremdere Sprache ein, n&#228;mlich ein hebr&#228;isches Wort, indem er „l’azyme“ (w&#246;rtlich ‚das Unges&#228;uerte‘) als „Mazzoth“ &#252;bersetzt. Die <em>mazzah</em> ist das unges&#228;uerte Brot, das im j&#252;dischen Ritual in der <em>Pessach</em>-Woche gegessen wird. Das gesamte <em>Pessach</em>-Fest und insbesondere der <em>seder</em>-Abend, der Vorabend und die Er&#246;ffnung der Festwoche, wird „Fest der unges&#228;uerten Brote“ genannt, denn w&#228;hrend des <em>Pessach</em>-Rituals wird der Flucht der Hebr&#228;er aus &#196;gypten gedacht, und in der Hast der Flucht blieb nach biblischem Bericht keine Zeit, das Brot gehen zu lassen (vgl. Ex. 12,39). Es ist dar&#252;ber hinaus der Gott der Hebr&#228;er, YHWH selbst, der das<em> Pessach</em>-Fest und das<em> chametz</em>-Verbot – das Verbot, in der Festwoche Sauerteig zu verzehren – festsetzt:</p>
<p style="padding-left: 30px;">Ihr sollt diesen Tag haben zum Ged&#228;chtnis und sollt ihn feiern dem HERRN zum Fest, ihr und alle eure Nachkommen, zur ewigen Weise. Sieben Tage sollt ihr unges&#228;uertes Brot essen; n&#228;mlich am ersten Tage sollt ihr den Sauerteig aus euren H&#228;usern tun. Wer ges&#228;uertes Brot i&#223;t vom ersten Tage an bis auf den siebenten, des Seele soll ausgerottet werden von Israel. (Ex. 12, 14f.; Luther)</p>
<p>Das Essen der <em>mazzot</em> zu Pessach ist demnach eine <em>mizwah</em>, ein Gebot, das in der Thora festgelegt ist. Es ist eine Handlung, die sich explizit auf die Heilige Schrift bezieht. Benjamins &#220;bersetzung verweist somit in ihrer konkreten Textgestalt auf jenen Heiligen Text, dessen Interlinearversion ihm als „Urbild oder Ideal aller &#220;bersetzung“ erscheint (IV.1, 21). Das Weiterziehen, das Wandern, die W&#252;ste – Motive, die Perses <em>Anabase</em> bestimmen –, verpflanzt Benjamins &#220;bersetzung in einen Kontext, der <em>diesem</em> Heiligen Text entstammt: seine <em>Anabase</em> ist eine Erz&#228;hlung des Exodus im rituellen Erinnern – im Essen der <em>mazzot</em> zu <em>Pessach</em> (&#252;brigens bedeutet auch das hebr&#228;ische Wort <em>pessach</em> &#252;bersetzt „vor&#252;ber-“, „vorbeigehen“) – und somit ist der Text als ein auf heiligem Text gegr&#252;ndeter und deshalb &#252;bersetzbarer schlechthin legitimiert. Das Ritual der <em>Pessach</em>-Feier allerdings ist lediglich Zeichen des heiligen Textes, nicht heiliger Text selbst, doch in der Aus&#252;bung der <em>mizwot</em> durch die j&#252;dische Gemeinde wird er sichtbar, und ist deshalb materiell gewordenes Heiliges Wort. „Viele Zeichen auf Reisen“ – der Heilige Text in seiner Befolgung, seiner Inszenierung, seiner Ausgestaltung durch das Volk der Schrift, das Volk des Gesetzes und somit des Heiligen Textes, reist in der Diaspora exiliert durch L&#228;nder und Kulturen.</p>
<p>Doch sind ebenso „viele Samen auf Reisen“ – es sind die Samen der reinen Sprache, von denen Benjamin im Vorwort zu seinen Baudelaire-&#220;bertragungen spricht: demzufolge ist es die Aufgabe des &#220;bersetzers, „in der &#220;bersetzung den Samen reiner Sprache zur Reife zu bringen“ (IV.1, 17). Auf seinen Reisen durch die Sprachen ist dieser Same auf der Suche nach fruchtbarem Boden, um keimen und sich entfalten zu k&#246;nnen und die Notwendigkeit der &#220;bersetzung damit aufzuheben, sodass Originaltext und &#252;bersetzter Text einander derartig durchdringen, dass sie nunmehr in der Interlinearversion das siegreiche Verstummen des &#220;bersetzers feiern k&#246;nnen. Die Sprache der &#220;bersetzung zielt darauf ab, eine Sprache sichtbar zu machen, die lediglich erahnbar, aber nicht aussprechbar ist: die reine Sprache, in der ‚Wort‘ und ‚Ding‘ unmittelbar in eins fallen, in der die Differenz, die Saint-John Perses <em>Anabase</em> zum Gestaltungsprinzip der Dichtung erhebt, aufgehoben sein kann. Das ‚Ding‘, das gleichzeitig ein Wort ist, ist „das reine Ding“, in dem die Unmittelbarkeit noch gegeben und nicht durch den S&#252;ndenfall des Sprachgeistes getrennt worden ist (im Hebr&#228;ischen gibt es &#252;brigens f&#252;r ‚Wort‘ und ‚Ding‘ nur ein einziges Lexem: <em>dawar</em>). Das Fest der unges&#228;uerten Brote, das in Benjamins &#220;bersetzungen mitschwingt, wird hier zu einem Fest der unges&#228;uerten, n&#228;mlich der „reinen“ Sprache.</p>
<p>Der deutsch-j&#252;dische Philosoph <strong>Walter Benjamin </strong>(1892-1940) &#252;bersetzte neben Saint-John Perse vor allem Baudelaire und Proust, aber auch u.a. Balzac und Jouhandeau ins Deutsche. Sein einzigartiges Werk umfasst sprachphilosophische, geschichtsphilosophische, &#228;sthetische und kunstsoziologische sowie literarische und literaturkritische Arbeiten.</p>
<p>Der franz&#246;sische Dichter und Diplomat <strong>Saint-John Perse</strong> (eigentlich Alexis Léger) (1887-1975) wurde auf Guadeloupe geboren und verlebte dort seine Kindheit, sp&#228;ter verbrachte er viele Jahre im diplomatischen Dienst in China. 1960 erhielt er den Nobelpreis f&#252;r Literatur f&#252;r sein poetisches Werk.</p>
<p><strong>Caroline Sauter</strong> hat in Paris und D&#252;sseldorf Literatur&#252;bersetzen, deutsch-franz&#246;sische Kulturwissenschaft und Germanistik studiert. Sie promoviert an der LMU M&#252;nchen &#252;ber Walter Benjamin.</p>
<p><a name="_edn1" href="#_ednref1">[1]</a> „Ainsi la ville fut fondée et placée au matin sous les labiales d’un nom pur“, Benjamin &#252;bersetzt: „So wurde die Stadt 	gegr&#252;ndet und getan am Morgen unter den Lippenlaut eines lauteren 	Namens“ (S. 60/61). Benjamins &#220;bersetzung wird hier und im Folgenden zitiert nach Walter Benjamin: <em>Gesammelte Schriften</em> (GS), Supplement-Band I (<em>Kleinere &#220;bersetzungen</em>), hrsg. v. R. Tiedemann, Frankfurt a.M. 1999. Benjamin hat die gesamte <em>Anabase</em> &#252;bersetzt, erhalten sind jedoch nur sieben von zehn Kapiteln, die in GS Suppl. I mitsamt dem franz&#246;sischen Originaltext abgedruckt sind.</p>
<p><a name="_edn2" href="#_ednref2">[2]</a> „La nuit donne son lait, qu’on y prenne bien garde! Et qu’un doigt de miel longe les lèvres du prodigue…“. „Die Nacht gibt ihre Milch, davor soll man sich h&#252;ten! Und ein Finger von Honig soll an den Lippen des verlorenen Sohns entlangstreichen…“ 	(S. 64/65), &#252;bersetzt Benjamin.</p>
<p><a name="_edn3" href="#_ednref3">[3]</a> Im November 1927 schreibt der Insel-Verleger Anton Kippenberg an 	Benjamin, „da&#223; der ‚Anabase‘ von Perse bei uns in einer &#220;bertragung von Herrn Professor Groethuysen erscheinen wird“ 	(vgl. GS Suppl. I, 451). Die deutsche Erst&#252;bersetzung erschien allerdings schlussendlich nicht im Insel-Verlag, sondern erst 1950 	in <em>Das Lot</em>, von folgender r&#228;tselhafter Notiz begleitet: „Mit der deutschen &#220;bersetzung von ‚Anabasis‘ ist eine Reihe mysteri&#246;ser und eigenartiger Umst&#228;nde verkn&#252;pft. […] Das Werk wurde 1929 von Bernhard Groethuysen und Walter Benjamin &#252;bersetzt.“ 	(vgl. GS Suppl. I, 447) Es handelt sich hier aber nicht um Benjamins &#220;bersetzung. Rolf Tiedemann rekonstruiert aus Briefzeugnissen die Entstehung der Benjaminschen &#220;bersetzung (die mit der im <em>Lot</em> abgedruckten nicht identisch ist) und ihre gescheiterte Editionsgeschichte, vgl. GS Suppl. I, 447-53.</p>
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		<title>Session mit Gabriele Haefs</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:05:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johanna Wais</dc:creator>
				<category><![CDATA[12 Sonstige]]></category>

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		<description><![CDATA[Musik, Literatur und &#220;bersetzung – was hat das miteinander zu tun?  Wer den Erz&#228;hlband Session. Irish Stories des irischen Musikers Mick  Fitzgerald liest, dem f&#228;llt auf: Literatur ohne Musik ist f&#252;r ihn kaum  vorstellbar. Und beim Lesen der &#220;bersetzung von Gabriele Haefs wird  klar, dass auch beim &#220;bersetzen Musikalit&#228;t eine Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2110"></span>Musik, Literatur und &#220;bersetzung – was hat das miteinander zu tun?  Wer den Erz&#228;hlband <em>Session. Irish Stories</em> des irischen Musikers Mick  Fitzgerald liest, dem f&#228;llt auf: Literatur ohne Musik ist f&#252;r ihn kaum  vorstellbar. Und beim Lesen der &#220;bersetzung von Gabriele Haefs wird  klar, dass auch beim &#220;bersetzen Musikalit&#228;t eine Rolle spielt. &#220;ber  dies und vieles mehr haben wir mit der renommierten &#220;bersetzerin und  Herausgeberin von Fitzgeralds <em>Irish Stories</em> gesprochen und sie gefragt&#8230;</p>
<p>Johanna Wais: <em>Liebe Gabriele Haefs, welche Art von Leser stellen Sie sich f&#252;r die deutsche Version von Mick Fitzgeralds </em>Irish Stories<em> vor?</em></p>
<p>Gabriele Haefs: Am Anfang habe ich vage an Irlandfans gedacht und an Menschen, die gern irische Musik h&#246;ren. Aber eigentlich geht es mir darum, &#252;berhaupt Geschichten von Mick Fitzgerald zu sammeln und zug&#228;nglich zu machen. Egal, f&#252;r wen.</p>
<p>Session<em> ist Mick Fitzgeralds erstes Buch. War es schwierig, den Autor zur Preisgabe seiner Geschichten zu &#252;berreden?</em></p>
<p>Ich kenne Mick Fitzgerald seit 1980, da  hat er schon geschrieben. 1986 war er bereits f&#252;r einen sehr angesehenen irischen Literaturpreis nominiert. Ein Buch mit ihm zu machen, war gar nicht so einfach. Er war zwar von der Idee begeistert, wollte aber st&#228;ndig etwas &#228;ndern. Au&#223;erdem sprudelte er vor neuen Ideen f&#252;r Geschichten. Und diese Geschichten mussten erst mal geschrieben werden… Das wiederholt sich &#252;brigens gerade bei den Arbeiten zum n&#228;chsten Buch.</p>
<p><em>Sie sind nicht nur die &#220;bersetzerin, sondern auch die Herausgeberin und Entdeckerin f&#252;r den deutschen Markt von </em>Session<em>. Statt einer zweisprachigen Ausgabe wurden jetzt zwei kleine B&#228;nde – ein englisch- und eine deutschsprachiger –  ver&#246;ffentlicht. Weshalb?</em></p>
<p>Das hatte etwas mit den Kosten und der Verkaufsstrategie des Verlages zu tun. Der  Autor aber war sehr angetan von dieser L&#246;sung und meinte, eine englischsprachige Ausgabe k&#246;nne er bei seinen Auftritten in Dublin verkaufen. Vor zweisprachigen B&#252;chern schrecken die Leute oft zur&#252;ck.</p>
<p><em>Die Geschichten Fitzgeralds wirken wie aus einer &#228;lteren Zeit oder auf eine gewisse Art zeitlos. T&#228;uscht der Eindruck?</em></p>
<p>Die einzige &#228;ltere Geschichte im Buch ist <em>Die Geigenstunde</em>. Alle anderen schildern die irische Gegenwart. Der Eindruck der Zeitlosigkeit entsteht, weil sich seit dem letzten Wirtschaftsboom in den 1980ern nicht viel ver&#228;ndert hat. Jetzt ist die n&#228;chste Krise da, aber die Obdachlosen waren eigentlich nie weg aus dem Dubliner Stadtbild.</p>
<p><em>Werden mit den Themen Alkoholismus, Musik und Religion nicht auch ein bisschen irische Klischees bedient?</em></p>
<p>Nein, das finde ich nicht. Sie sind ja weiterhin pr&#228;gende Bestandteile des Alltags in Irland. Man kann sie nat&#252;rlich als Klischees behandeln, so ungef&#228;hr jede Reisereportage &#252;ber Irland macht das. Aber das hier ist schlie&#223;lich Literatur – wenn z.B. Franz Dobler bayerische Szenen in seinen B&#252;chern hat, enthalten die auch bayerische Elemente. Aber es ist trotzdem etwas ganz anderes als der Folklorismus im „Kom&#246;dienstadl“.</p>
<p><em>Welche ist Ihre Lieblingsgeschichte?</em></p>
<p><em>Session</em>, weil sie so viel Dubliner Kneipenstimmung der 80er Jahre hat und ich oft das Gef&#252;hl habe, alle Personen zu kennen ‒ auch wenn das nat&#252;rlich nicht stimmt.</p>
<p><em>Worin lag f&#252;r Sie die besondere Herausforderung bei der &#220;bersetzung der Geschichten?</em></p>
<p>Vielleicht darin,  dass ich mich pers&#246;nlich angesprochen f&#252;hle. Ich habe Volkskunde studiert und damals meine Dissertation &#252;ber ein irisches Thema geschrieben.</p>
<p><em>Was ist f&#252;r Sie das Besondere an diesen Geschichten, was hat Sie daran am meisten fasziniert?</em></p>
<p>Die irische Atmosph&#228;re, das viele Vertraute&#8230; Und nat&#252;rlich, dass ich bei der Entstehung vieler Geschichten dabei war, als ‚Ratschlaggeberin’ oder ‚Vorlektorin’, oder wie immer man das nennen kann.</p>
<p><em>Obwohl Sie in Ihrem Nachwort schreiben, dass es keine Klammer gibt, unter der man Fitzgeralds Geschichten zusammenfassen k&#246;nnte, f&#228;llt auf, dass es immer wieder um Musik geht. Wie ist Ihr Verh&#228;ltnis zur Musik?</em></p>
<p>Wie mein Verh&#228;ltnis zur Musik ist, kann ich gar nicht sagen. Mich hat eher interessiert, ob die Musikalit&#228;t der Texte mit der von Mick Fitzgeralds Liedern &#252;bereinstimmt, und bei diesen Geschichten fand ich immer, ja.</p>
<p><em>Und wie ist es mit der Musikalit&#228;t in der &#220;bersetzung? Lesen Sie Ihre &#220;bersetzungen laut, um zu &#252;berpr&#252;fen, ob Rhythmus und Klang stimmen?</em></p>
<p>Klar, ich lese sie laut, um zu h&#246;ren, ob die Satzmelodie stimmt. Na ja, ob ich finde, dass sie stimmt. Ist ja ohnehin alles verdammt subjektiv.</p>
<p><em>Gab es besondere Ausdr&#252;cke, die typisch irisches Englisch sind? Wie kennzeichnen Sie diese in der deutschen &#220;bersetzung?</em></p>
<p>Im irischen Englisch gibt es W&#246;rter im Singular, die im ‚englischen’ Englisch Plural sind, z.B. „a trousers“, „a scissors“. Das l&#228;sst sich einfach nicht ins Deutsche retten. Es gibt auch Anspielungen auf die irische Geschichte, die nicht jeder sofort versteht. Ich hatte &#252;berlegt, an solchen Stellen kleine Erkl&#228;rungen einzuf&#252;gen, aber das h&#228;tte bei einem irischen Erz&#228;hler aufgesetzt gewirkt. Ich verlasse mich also darauf, dass der Leser unbekannte W&#246;rter selbst nachschl&#228;gt.</p>
<p><em>Sie &#252;bersetzen nicht nur aus dem Englischen, sondern auch aus dem Walisischen und G&#228;lischen. Fast jedes irische Dorf soll ja seinen eigenen g&#228;lischen Dialekt haben. Welchen haben Sie gelernt?</em></p>
<p>Das ist nun wirklich ein Klischee, Folklorismus eben. Auch jedes deutsche Dorf hat seinen eigenen Dialekt. Man kann fast allen Leuten anh&#246;ren, aus welcher Gegend sie kommen, und sei es nur daran, ob sie Metzger, Schlachter oder Fleischer sagen, oder wie sie ihre Br&#246;tchen morgens auf dem Fr&#252;hst&#252;ckstisch nennen. In Wachtendonk, wo mein Vater herstammt, sagt man „w&#228;sche“ f&#252;r „waschen“ und in Kempen, woher meine Mutter kommt, „wosche“. In einem Radius von weniger als 10 Kilometern. Trotzdem gibt es eine Schriftsprache, auf die man sich irgendwann geeinigt hat – und so ist es auch in Irland. Meine Theorie ist, dass die Behauptung, ‚Jedes Dorf hat seinen eigenen Dialekt’ eher als willkommene Entschuldigung dient. So kann man sich n&#228;mlich, auch ohne Irisch zu sprechen, als Experte f&#252;r irische Kultur, Literatur und Musik ausgeben.</p>
<p><em>Was macht Ihnen beim &#220;bersetzen am meisten Spa&#223;? Was &#252;bersetzen Sie am liebsten?</em></p>
<p>Der Umgang mit Sprache, Sprache zerlegen und auf ihre Bestandteile untersuchen zu k&#246;nnen. Am liebsten &#252;bersetze ich historische Romane mit historischem Vokabular, wo die Leute sich Ihrzen und ausgestorbene Berufe auftreten, oder Sachen mit Slang und vielen Wortspielen.</p>
<p><em>Wie haben Sie die </em>Session<em> &#252;bersetzt? Z&#246;gerlich oder z&#252;gig?</em></p>
<p>Ich lese alles immer ganz oft und saue die Textvorlagen voll mit Ideen und &#220;berlegungen. Irgendwann, nach mehrfachem Lesen, bilde ich mir dann ein, die Stimmung des Textes im Kopf zu haben, und schreibe alles auf. Und dann &#252;berarbeite ich den fertigen Text noch einige Male.</p>
<p><em>Und was machen Sie, wenn Sie einmal etwas nicht verstehen?</em></p>
<p>Die Autorin oder den Autor fragen! Mich mit  Kolleginnen und Kollegen beraten. Und notfalls Ausw&#252;rfeln – wenn beides nichts hilft oder der Autor, die Autorin nicht erreichbar ist.</p>
<p>Mick Fitzgerald: <em>Session. Irische Stories</em>, &#252;bersetzt von Gabriele Haefs, Wien: Songdog Verlag 2010, 81 Seiten, 12 €</p>
<p>Mick Fitzgerald: <em>Session. Irish Stories</em>. Wien: Songdog Verlag 2010, 78 Seiten, 12 €</p>
<p><strong>Mick Fitzgerald</strong> wurde 1950 in eine Dubliner Musikerfamilie hineingeboren. Sein Vater sang, die Mutter spielte Klavier und sang ebenfalls. Fitzgerald studierte in seiner Heimatstadt Dublin „Speech and Drama“, widmete sich jedoch erst einmal haupts&#228;chlich der Musik und dem Journalismus. Seine Schauspielerkarriere begann 2000 mit einem Auftritt als Musiker in einem Kunstfilm. <em>Session</em> ist seine erste Buchpublikation.</p>
<p><strong>Gabriele Haefs</strong>, geboren 1953, &#252;bersetzt die unterschiedlichsten Genres aus dem Norwegischen, D&#228;nischen, Schwedischen, G&#228;lischen, Niederl&#228;ndischen und Walisischen. F&#252;r ihre &#220;bersetzungen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis f&#252;r Jostein Gaarders philosophischen Jugendroman <em>Sofies Welt</em>. Sie ist Herausgeberin mehrerer Anthologien.</p>
<p><strong>Johanna Wais</strong> studierte Literatur&#252;bersetzen mit den Sprachen Englisch und Spanisch in D&#252;sseldorf und Madrid. Sie lebt als freie &#220;bersetzerin in Bremen.</p>
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		<title>Wegbereiter der Dichter</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:04:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Radegundis Stolze</dc:creator>
				<category><![CDATA[12 Sonstige]]></category>

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		<description><![CDATA[Alle zwei Jahre erhalten jeweils eine &#220;bersetzerin oder ein &#220;bersetzer aus Deutschland und ein Kollege oder eine Kollegin aus Polen 10.000 Euro als Anerkennung f&#252;r herausragende &#220;bersetzungen. Esther Kinsky und Ryszard Turczyn haben dieses Jahr den von der Robert Bosch Stiftung vergebenen &#220;bersetzerpreis bekommen. Die Verleihung am 20. Mai 2011 in Darmstadt fand just am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2141"></span>Alle zwei Jahre erhalten jeweils eine &#220;bersetzerin oder ein &#220;bersetzer aus Deutschland und ein Kollege oder eine Kollegin aus Polen 10.000 Euro als Anerkennung f&#252;r herausragende &#220;bersetzungen. Esther Kinsky und Ryszard Turczyn haben dieses Jahr den von der Robert Bosch Stiftung vergebenen &#220;bersetzerpreis bekommen. Die Verleihung am 20. Mai 2011 in Darmstadt fand just am 90. Geburtstag von Karl Dedecius statt, dem Namenspatron sowie Gr&#252;nder und ersten Direktor des Deutschen Polen-Instituts mit Sitz in Darmstadt. So war dies eine ganz besondere Geburtstagsfeier und der Jubilar wurde von der gro&#223;en Festgemeinde mit dem polnischen Gl&#252;ckwunschlied <em>Sto Lat</em> geehrt. Eine zentrale Gestalt des deutsch-polnischen Kulturaustausches war Dedecius aber schon, bevor er 1979 die Gr&#252;ndung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt anregte. Seit den 1950er Jahren hatte er an der &#220;bersetzung polnischer Literatur ins Deutsche gearbeitet, was schlie&#223;lich den Grundstock der Bibliothek des Instituts bildete. Dieses arbeitete zun&#228;chst abseits des politischen Alltags, und so gelangen ihm wesentliche Schritte der kulturellen V&#246;lkerverst&#228;ndigung.</p>
<p>Soeben erschien im Insel-Verlag eine neue Anthologie, herausgegeben und &#252;bersetzt von Karl Dedecius: <em>Meine polnische Bibliothek</em>. Sie umfasst Texte aus neun Jahrhunderten und ist so etwas wie die Summe seiner lebenslangen Besch&#228;ftigung mit der Kultur und Literatur unseres Nachbarlandes Polen. „Lyrik ohne Empfindung ist nichts“, sagt Dedecius. Manchmal dauert es Wochen, bis er den passenden Reim, das treffende Wort oder jene Redewendung findet, die den Sinn besser fasst, als es die spontane w&#246;rtliche &#220;bersetzung vermag. Ein guter &#220;bersetzer – so Dedecius – sucht den „Geist“ eines Textes, seine Musikalit&#228;t und auch die Empfindung, die der Text ausl&#246;sen kann. Eine solche Haltung zu Texten und ihrer &#220;bersetzung haben auch die diesj&#228;hrigen Tr&#228;ger des Karl-Dedecius-Preises.</p>
<p>Esther Kinsky (*1956) studierte Slawistik und Anglistik in Bonn und Toronto. Sie arbeitet seit 1985 als freie &#220;bersetzerin aus dem Polnischen, Englischen und Russischen. Seit einem Vierteljahrhundert widmet sie sich kontinuierlich der Vermittlung polnischer Literatur im deutschsprachigen Raum und hat Werke von insgesamt mehr als 25 Schriftstellern &#252;bersetzt. Allein von Olga Tokarczuk liegen acht B&#252;cher in ihrer &#220;bertragung vor. Seit Beginn ihrer &#220;bersetzungst&#228;tigkeit hat sie immer wieder in Deutschland bis dahin unbekannte Autorinnen und Autoren entdeckt und gef&#246;rdert, so etwa Ida Fink, Miron Białoszewski, Piotr Szewc, Adam Wiedemann, Mariusz Szczygieł, Magdalena Tulli, Zyta Rudzka und Johanna Bator. Nie war ihre Textauswahl offensichtlich, das hei&#223;t sie war nie f&#252;r Schreib- und Lesemoden anf&#228;llig, und ihre &#220;bersetzungen haben nicht den Charakter von Auftragsarbeiten – dies wurde in der Laudatio der Verlegerin Beata Stasińska besonders betont. Vielmehr war sie von unbekannten jungen Schriftstellern fasziniert, die sie f&#252;r den deutschen Markt entdeckte. Die schon mehrfach ausgezeichnete Kinsky ist selbst auch Autorin, z.B. der Romane <em>Sommerfrische</em> oder <em>Banatsko</em>. So wurde Esther Kinsky in Deutschland in ihrem Bereich immer mehr zu einer Institution. Heute wenden sich Redakteure und Verleger auf der Suche nach neuen polnischen Talenten oder auch vergessenen Gr&#246;&#223;en der Literatur an sie.</p>
<p>Ryszard Turczyn (*1953) studierte Germanistik in Warschau und &#252;bersetzt seit mehr als 30 Jahren aus dem Deutschen und dem Niederl&#228;ndischen ins Polnische. Er ist heute auch als Literaturagent t&#228;tig. Turczyn &#252;bersetzte beispielsweise <em>Die Klavierspielerin</em> als erstes Prosawerk von Elfriede Jelinek ins Polnische. Er hatte jahrelang nach einem Verlag f&#252;r dieses Werk gesucht. Zur Preisverleihung wurde nun ein Gru&#223;wort von Elfriede Jelinek verlesen. Als sie dann 2004 den Literaturnobelpreis verliehen bekam, war dieses Buch das einzige, welches in polnischer Sprache vorlag. So etwas ist ein seltener Gl&#252;cksmoment f&#252;r &#220;bersetzer. Der deutsche Autor und Laudator Tim Staffel, dessen Werke auch von Turczyn &#252;bertragen wurden, zitierte aus einer Begegnung mit seinem &#220;bersetzer: „Er sagte, es kommt ihm darauf an, dass die Sprache des Originals bei ihm andockt und ein entsprechendes Klangfeld in seiner Sprache evoziert. (…) Es geht um einen speziellen Sound, f&#252;r den man ein Gef&#252;hl in sich tr&#228;gt, und dann geht es darum, diesen Sound zum Klingen zu bringen – so habe ich ihn verstanden, und darin habe ich mich wiederentdecken k&#246;nnen.“ Insgesamt &#252;bersetzte Turczyn &#252;ber 30 belletristische Titel, dazu kommen Kinderb&#252;cher und popul&#228;re Sachb&#252;cher – darunter historische Werke von Guido Knopp, Jean Amérys Hauptwerk <em>Jenseits von Schuld und S&#252;hne</em>, Reportagen von G&#252;nter Wallraff und Erich von D&#228;niken – sowie philosophische Texte, Theaterst&#252;cke und H&#246;rspiele.</p>
<p>F&#252;r das Deutsche Polen-Institut (DPI) r&#252;hmte dessen Pr&#228;sidentin Rita S&#252;ssmuth das, „was man im besten Sinne nachhaltiges Schaffen nennt“, n&#228;mlich die Arbeit an bleibender Literatur und an den deutsch-polnischen Beziehungen, DPI-Direktor Dieter Bingen erinnerte an Helmut Schmidt, der Dedecius einmal den „Pontifex der Vers&#246;hnung“ genannt hatte, und der Oberb&#252;rgermeister Walter Hoffmann betonte die Bedeutung des Instituts f&#252;r die Stadt Darmstadt und ihre Verantwortung.</p>
<p>&#220;bersetzer zeichnen sich durch einen suchenden und sch&#246;pferischen Geist aus, der sie durch die verschiedensten Erfahrungen, Orte, Umfelder und Sprachen f&#252;hrt. So wurde in den Festreden betont, dass beide Preistr&#228;ger viel reisen und daher auch f&#252;r ein sog. Reisestipendium dankbar sind. Um fremde Kulturen verstehen zu k&#246;nnen, sollte man in gewisser Weise in sie eintauchen. Dann wird es eher gelingen, den Texthintergrund in der &#220;bersetzung implizit (oder auch explizit) zu formulieren. Dieser Texthintergrund meint nicht nur politische Fragen einer Koexistenz von Nachbarstaaten.</p>
<p>„Kultur ohne Politik gelingt nicht, Politik ohne Kultur versandet“, sagte Dedecius zum Ende der Preisfeier in seiner Ansprache. „Die V&#246;lker haben zweierlei Geschichte – die eine schreiben die Historiker, die andere die Poeten. Einzeln zur Kenntnis genommen, sind sie nur die halbe Wahrheit.“</p>
<p><strong>Radegundis Stolze</strong>, Dr. phil., Dipl.-&#220;bers., ist wissenschaftliche Autorin im Bereich  &#220;bersetzungswissenschaft, Lehrbeauftragte am Sprachenzentrum der  Technischen Universit&#228;t Darmstadt und selbst&#228;ndig t&#228;tig als  &#220;bersetzerin.</p>
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		<title>Schichtarbeit</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:03:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanna Ohlrogge</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Man m&#246;chte dieses Buch, eher Skulptur als Gebrauchsgegenstand, nur mit Vorsicht in H&#228;nden halten. Jonathan Safran Foer ist hier am Werk gewesen, ist seinem eigenen Lieblingsbuch mit der Schere zu Leibe ger&#252;ckt. Buchstaben, W&#246;rter, S&#228;tze hat er herausgeschnitten, und &#252;brig geblieben ist sein neuester ‚Roman‘, ein literarisches Experiment mit dem Titel Tree of Codes.
Was der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2050"></span>Man m&#246;chte dieses Buch, eher Skulptur als Gebrauchsgegenstand, nur mit Vorsicht in H&#228;nden halten. Jonathan Safran Foer ist hier am Werk gewesen, ist seinem eigenen Lieblingsbuch mit der Schere zu Leibe ger&#252;ckt. Buchstaben, W&#246;rter, S&#228;tze hat er herausgeschnitten, und &#252;brig geblieben ist sein neuester ‚Roman‘, ein literarisches Experiment mit dem Titel <em>Tree of Codes</em>.</p>
<p>Was der Bagel f&#252;r die Backkunst, das ist <em>Tree of Codes</em> f&#252;r das Schrifttum: Beide werden zu dem, was sie sind, erst durch das, was ihnen fehlt. Und so wie der Bagel mehr ist als blo&#223; ein Br&#246;tchen mit Loch, lebt <em>Tree of Codes</em> von der L&#252;cke, von den Zwischenr&#228;umen, den Schlitzen, die den Blick auf Schicht um Schicht durchl&#246;cherter Seiten freigeben. Nur hier und da hat Foer ein Wort stehengelassen, ein Wortgr&#252;ppchen, ein Satzzeichen, selten einen ganzen Satz, Bruchst&#252;cke, die dann ihrerseits sinnhaft werden und eine neue, ganz eigene Geschichte erz&#228;hlen. Eine Geschichte aus vielen einzelnen Fragmenten, die beim Lesen erst m&#252;hsam zusammengesetzt werden m&#252;ssen. Eine Geschichte, die unabh&#228;ngig und gleichzeitig vollkommen abh&#228;ngig bleibt von ihrem Ursprungstext, einer Kurzgeschichtensammlung des polnischen Autors Bruno Schulz mit dem Namen <em>Street of Crocodiles</em>.</p>
<p><em>Steinmetz</em></p>
<p><em>Tree of Codes</em> ist in vielerlei Hinsicht ein hybrider Text, der auch ein Nachdenken &#252;ber Wege des &#220;bersetzens erm&#246;glicht. Denn Foers Ausschneidetechnik beschw&#246;rt das Bild eines K&#252;nstlers herauf, der sorgf&#228;ltig sein Rohmaterial ausw&#228;hlt, ein Bildhauer etwa, der in einem Steinblock das Potential zu einer Statue entdeckt und diese dann, den Gegebenheiten und Einschr&#228;nkungen seines Stoffs folgend, ans Tageslicht h&#228;mmert. Diese Sichtweise l&#228;sst sich auf den &#220;bersetzer &#252;bertragen, dessen Arbeit ebenfalls darin besteht, den ‚Gegebenheiten und Einschr&#228;nkungen seines Stoffs‘, seines literarischen Steinblocks also, zu folgen, um daraus etwas Neues zu schaffen, in dem die Anwesenheit des Alten aber zu sp&#252;ren bleibt. Etwas Neues aus etwas Altem, das diesem aber Rechenschaft schuldig bleibt – &#220;bersetzen ist in erster Linie die Arbeit an der Arbeit eines anderen. Und in diesem Sinne k&#246;nnte auch Foer als &#220;bersetzer von <em>Street of Crocodiles</em> verstanden werden: <em>Tree of Codes</em> w&#228;re nichts ohne <em>Street of Crocodiles</em> und bewegt sich, wie jede &#220;bersetzung, zwischen den Paradoxa von frei und gebunden, treu und untreu, zerst&#246;rend und &#252;berlebenssichernd. Ja, eine &#220;bersetzung zerst&#246;rt ihren Ausgangstext – sie &#252;berschreibt ihn, radiert ihn in Foers Fall sogar wortw&#246;rtlich aus – und sie sichert gleichzeitig, Walter Benjamin hat das im Vorwort zu seinen Baudelaire-&#220;bertragungen so pr&#228;gnant formuliert, sein Fortleben in einer anderen Sprache, oder exhumiert ihn in einer anderen Zeit.</p>
<p><em>Anger&#252;hrt</em></p>
<p>Strukturen von Macht und Untergebenheit – bei der Bestimmung des Verh&#228;ltnisses von Original und &#220;bersetzung tauchen solche stets auf, wobei traditionell gerne die &#220;bersetzung als untergeordnet angesehen wird. Und bei <em>Tree of Codes</em>? Foer macht sich – so beschreibt er den Vorgang – das Buch eines im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen j&#252;disch-polnischen Schriftstellers zu Eigen. Unter den Tisch f&#228;llt dabei aber folgender Aspekt: dass es n&#228;mlich nicht Bruno Schulz’ auf Polnisch verfasstes Original ist, woraus Foer Zeile um Zeile sch&#246;pferisch ausradiert – dieses ist n&#228;mlich 1934 erschienen und hei&#223;t <em>Sklepy cynamonowe</em>, ‚die Zimtl&#228;den‘ – sondern eben (und traditionsgem&#228;&#223; m&#252;sste es jetzt hei&#223;en: ‚nur‘) die 1963 von Celina Wieniewska angefertigte englische &#220;bersetzung. Sie ist es, die den Titel <em>Street of Crocodiles</em> tr&#228;gt, der von Foer buchstabenweise zu <span style="text-decoration: line-through;"><em>S</em></span><em>tree</em><span style="text-decoration: line-through;"><em>t</em></span><em> of C</em><span style="text-decoration: line-through;"><em>roc</em></span><em>od</em><span style="text-decoration: line-through;"><em>il</em></span><em>es</em> zusammengestrichen wird. Und sie ist es auch, von der Foer im Nachwort seines Romans in h&#246;chsten T&#246;nen schw&#228;rmt, wenn er bekennt, die Arbeit an seinem neuen Buch sei au&#223;erordentlich schwierig gewesen: So viele von Schulz’ S&#228;tzen – sagt Foer, aber sind es nicht eigentlich Wieniewskas? – h&#228;tten sich urgewaltig und wesentlich angef&#252;hlt, unaufschl&#252;sselbar, atomgleich unzerschneidbar. Er notiert (und ich &#252;bersetze): „Was und wie [Schulz] schreibt, ist so derma&#223;en gut, so viel besser als alles, was man daraus menschenm&#246;glich h&#228;tte machen k&#246;nnen, dass ich seinen Text instinktiv gar nicht anr&#252;hren wollte.“</p>
<p style="padding-left: 30px;"><img src="http://relue.phil-fak.uni-duesseldorf.de/neu/wp-content/uploads/2011/08/seite3b.jpg" alt="Seitenansicht" /></p>
<p>Die Furcht vor dem ‚Anr&#252;hren‘ eines Originals – die Sorge also, man k&#246;nnte es zu etwas machen, was es nie sein wollte, man k&#246;nnte es verst&#252;mmeln, indem man ihm den eigenen Stempel allzu hart aufdr&#252;ckt, oder aber ihm nicht gerecht werden, indem man einen blo&#223;en Abklatsch daraus macht – bei ihr handelt es sich um eine Beklommenheit, die viele &#220;bersetzer, Arbeiter an der Arbeit eines anderen, immer wieder beschleicht. Um es aber noch einmal auf den Punkt zu bringen: <em>Street of Crocodiles</em> ist bereits ein solcher ‚anger&#252;hrter‘ Text – den Foer aber zum ‚Original‘ erhebt, indem er ihn f&#252;r im Grunde genommen unantastbar erkl&#228;rt und mit einer Ehrfurcht von ihm spricht, die man &#220;bersetzungen, also in der Regel nicht kanonisierten und nicht originalen Texten gegen&#252;ber, gar nicht kennt. Die traditionelle Hierarchisierung von Original und &#220;bersetzung wird mit <em>Tree of Codes</em> also infrage gestellt; es werden hier Verh&#228;ltnisse umgekehrt, wird, was bereits &#252;bersetzt ist, zum Original, und wird, wer sich eigentlich als Autor versteht, durch seine Arbeit am Text zum &#220;bersetzer. Und ganz wie ein &#220;bersetzer wird Foer dabei zum penibelsten, tiefsten, vielleicht sogar zum idealen Leser seines Originals: „Kein anderes Buch habe ich so intensiv oder so oft gelesen. Nie habe ich so viele Satzst&#252;cke auswendig gelernt und, je weiter der Akt des Ausradierens gedieh, wieder vergessen.“</p>
<p><em>Zimtl&#228;den</em></p>
<p>Foers Buch ist ein Experiment rund um die Machbarkeiten von Text, Papier und Sprache. Wollte man es eine Stufe weiter f&#252;hren, k&#246;nnte man fragen: Wie w&#228;re <em>Tree of Codes</em> ins Deutsche zu &#252;bersetzen? Wie &#252;bersetzt man die &#220;bersetzung einer &#220;bersetzung? W&#228;re das &#252;berhaupt m&#246;glich? Bisher jedenfalls hat sich noch kein deutscher Verlag an das Projekt gewagt. Klar ist, dass die ausgeschabte Geschichte nicht einfach so, rein inhaltlich, ins Deutsche gerettet werden kann: Zu viele Schichten blieben dabei unbedacht, zu viele verschrobene Wege ungegangen. Wahrscheinlich m&#252;sste der &#220;bersetzer sich auf die deutsche &#220;bersetzung von <em>Sklepy cynamonowe</em> beziehen – selbst auf die Gefahr hin, dass er sie nicht f&#252;r ‚urgewaltig und wesentlich‘ h&#228;lt. Immerhin h&#228;tte er die Wahl: er k&#246;nnte <em>Die Zimtl&#228;den</em> (1961) von Josef Hahn zu Grunde legen, oder aber <em>Die Zimtl&#228;den</em> (2008) von Doreen Daume, wobei Letzterem dazu noch ein geringf&#252;gig anderer Ausgangstext zugrunde liegt als Celina Wieniewskas<em> Street of Crocodiles</em>. Problematisch d&#252;rfte ein solches Unterfangen allemal sein – das beginnt, davon sei an dieser Stelle exemplarisch gesprochen, schon bei der Wahl des Titels. Welche Buchstaben sollen aus <em>Die Zimtl&#228;den</em> gestrichen werden?</p>
<p><em>Dezime</em> k&#246;nnte das Werk vielleicht hei&#223;en, wie die zehnte Tonstufe aus der Musiklehre, das Intervall, das der Terz so &#228;hnlich ist. Sinnfrei? Nicht, wenn man an das Bild des Originals als Melodie und der &#220;bersetzung als Kadenz denkt: Der erste Text geht seinen Weg, erz&#228;hlt seine Geschichte, Ton f&#252;r Ton, mit unverwechselbarer Melodie. Der zweite Text aber begleitet diese Melodie, indem er Intervalle, also Harmonien (oder Disharmonien) dazu ausw&#228;hlt. Und von einer Wahl kann hier tats&#228;chlich gesprochen werden, denn ein Akkord, das Zusammenspiel von Intervallen, muss zwar in seinen musikalischen Zusammenhang passen, ist aber alles andere als fix vorgeschrieben. Die &#220;bersetzung ist damit als die Erg&#228;nzung ihres Originals zu verstehen, genau so, wie jede Kadenz ihren Grundton vervollst&#228;ndigt, bereichert, und in diese oder jene Richtung zu verschieben vermag. In welche Richtung soll die &#220;bersetzung gehen?– das ist eine entscheidende Frage, wenn man sich vor Augen f&#252;hrt, dass durch die Wahl von Intervallen zum Beispiel ein Kirchenlied von Paul Gerhardt durchaus klingen kann wie amerikanischer Jazz der 1920er Jahre. Ob es das sollte, ist damit nicht beantwortet – aber an genau dieser Stelle liegt die Macht des Komponisten wie des &#220;bersetzers.</p>
<p><em>Tree of Codes</em> und seine Vorg&#228;nger sind damit in jedem Falle lesens- und vergleichenswerte B&#252;cher. Nicht nur, um nachzuvollziehen, wie aus der Geschichte einer kleinb&#252;rgerlichen j&#252;dischen Kaufmannsfamilie in Galizien traumartige Sequenzen &#252;ber Verlust und Sehnsucht werden, sondern auch, weil Foers Roman eine Hommage an das Buch ist – sowohl an das Buch an sich, in seiner anfassbaren, nicht digitalisierbaren, umbl&#228;tterf&#228;higen papiernen Form, als auch an das Buch als unvollendete Symphonie, das Buch als etwas Unfertiges und Ver&#228;nderbares also, etwas von Grund auf &#220;bersetzbares.</p>
<p>Jonathan Safran Foer: <em>Tree of Codes</em>, London: Visual Editions 2010</p>
<p>Bruno Schulz: <em>Street of Crocodiles</em>, &#252;bersetzt von Celina Wieniewska, New York: Walker and Company 1963</p>
<p>Foto: Hanna Ohlrogge</p>
<p><strong>Jonathan Safran Foer</strong> ist Autor der Romane <em>Everything is Illuminated</em> und <em>Extremely Loud and Incredibly Close</em> sowie eines Sachbuchs mit dem Titel <em>Eating Animals</em>. Seine B&#252;cher haben mehrere Auszeichnungen erhalten und wurden in 36 Sprachen &#252;bertragen. Foer lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Brooklyn, New York.</p>
<p><strong>Hanna Ohlrogge </strong>studierte in D&#252;sseldorf Literatur&#252;bersetzen und schrieb ihre Diplomarbeit zur Problematik amerikanischer Holocaustliteratur und ihrer deutschen Gegenst&#252;cke. Im Augenblick arbeitet sie als &#220;bersetzerin f&#252;r Nintendo und unterrichtet &#220;bersetzen an der Heinrich-Heine-Universit&#228;t.</p>
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		<title>&#220;ber n&#246;tige Freiheiten bei m&#246;glichster N&#228;he</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:02:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nils Bernstein</dc:creator>
				<category><![CDATA[12]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht nur in ganz Lateinamerika, auch hierzulande ist Pablo Neruda der bekannteste Dichter Chiles. Antonio Skármeta macht sich den in Chile &#252;blichen Kult – weniger um das literarische Verm&#228;chtnis als vielmehr um die Person Nerudas – zunutze und erz&#228;hlt eine Liebesgeschichte, bei der der Literaturnobelpreistr&#228;ger von 1973 als „der gute heiratsvermittelnde Dichter“ („el buen poeta [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2101"></span>Nicht nur in ganz Lateinamerika, auch hierzulande ist Pablo Neruda der bekannteste Dichter Chiles. Antonio Skármeta macht sich den in Chile &#252;blichen Kult – weniger um das literarische Verm&#228;chtnis als vielmehr um die Person Nerudas – zunutze und erz&#228;hlt eine Liebesgeschichte, bei der der Literaturnobelpreistr&#228;ger von 1973 als „der gute heiratsvermittelnde Dichter“ („el buen poeta casamentero“) auftritt: W&#228;hrend der Dichter auf La Isla Negra weilt, stellt der junge Mario Jiménez als Brieftr&#228;ger Nerudas Korrespondenzen zu. Auf diese Weise versucht er, sich dem durch den Vater vorherbestimmten Beruf des Fischers zu entziehen. Er verliebt sich in die sch&#246;ne Beatriz González, f&#252;hlt sich jedoch nicht imstande, ihr seine Liebe zu gestehen. Nach einigen Gespr&#228;chen mit dem Dichter &#252;ber die Wirkungsmacht von Metaphern wagt er es, in einem Liebesbrief an Beatriz ein anz&#252;gliches Gedicht Nerudas zu zitieren und als das seine auszugeben. Damit beeindruckt er die Geliebte ebenso, wie er deren Mutter erz&#252;rnt, die den Liebesbrief findet. In der Konfrontation mit der Mutter setzt sich Neruda zun&#228;chst widerwillig und sp&#228;ter ausgesprochen engagiert f&#252;r Mario ein. Antonio Skármeta schildert die fingierte Beziehung Pablo Nerudas zu seinem Brieftr&#228;ger vor dem Hintergrund der Allende-&#196;ra und des sich anschlie&#223;enden Milit&#228;rputsches durch Augusto Pinochet. Die Thematisierung dieser politisch h&#246;chst brisanten Zeitspanne erlaubt eine interessante Durchmischung von Faktum und Fiktion, die dem Lesepublikum sowohl – teils erfundene  – Details der Schriftstellerbiographie als auch Aspekte der chilenischen Geschichte vermittelt.</p>
<p>Bereits im Erscheinungsjahr 1985 wurde <em>Ardiente paciencia </em> von Willi Zurbr&#252;ggen &#252;bersetzt. Der Roman liegt auf Deutsch mittlerweile in der 14. Auflage vor und wurde bislang in 19 Sprachen &#252;bertragen. Zurbr&#252;ggens gro&#223;e Leistung ist die stilgetreue Nachbildung manch schwieriger, vor umschreibenden Adjektiven nur so strotzender Passagen. Diese sind kennzeichnend f&#252;r den &#252;berschw&#228;nglichen, auf Klappentexten so gerne als „poetisch“ bezeichneten Stil Antonio Skármetas, mit dem er an den Tonfall manch eines Neruda-Liebesgedichtes ankn&#252;pft. Man denke etwa an Nerudas <em>20 poemas de amor y una canción desesperada</em> (<em>20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung</em>). Gleichzeitig liefert Skármeta damit eine Hommage an den Literaturnobelpreistr&#228;ger, den er in seinem Roman portr&#228;tiert.</p>
<p>In Skármetas Buch werden h&#228;ufig einzelne Verse und Gedichttitel aus Nerudas Werk angef&#252;hrt. Man kann davon ausgehen, dass Zurbr&#252;ggen die zu gro&#223;en Teilen von Erich Arendt &#252;bersetzte und von Karsten Garscha herausgegebene dreib&#228;ndige Neruda-Werkausgabe kennt. Zurbr&#252;ggen &#252;bersetzt jedoch viele der Passagen aus Nerudas Werk neu. Ein kleines Beispiel erl&#228;utert, dass er hierbei verdienstvollerweise der Maxime ‚So frei wie n&#246;tig und so nah wie m&#246;glich‘ folgt: W&#228;hrend in der <em>Oda a la sal</em> (<em>Ode an das Salz</em>) bei Zurbr&#252;ggen aus „cristal del mar, olvido de las olas“ das „Kristall des Meeres, Vergessen der Wellen“ wird, lautet die Erg&#228;nzung bei Arendt anders, die interessante Ambiguit&#228;t wird hier bedauerlicherweise aufgel&#246;st: „Kristall des Meeres, Vergessen von den Wogen“<a name="_ednref1" href="#_edn1">[1]</a>. Zurbr&#252;ggen &#252;bersetzt an dieser Stelle wortw&#246;rtlich, denn bei Neruda steht „olvido“ und nicht „olvidado por las olas“, wie es f&#252;r Arendts &#220;bersetzung notwendig w&#228;re. Demnach verwendet Zurbr&#252;ggen die vorliegende &#220;bersetzung von Arendt, sofern sie f&#252;r den Kontext angemessen ist, und passt die &#220;bersetzung dort an, wo starke inhaltliche Abweichungen zum Ausgangstext vorliegen.</p>
<p>Gelegentlich steht das Pathos der Neruda-Gedichte im Kontrast zu den von Skármeta fingierten Dialogen, die er dem Dichter in den Mund legt. Verwunderlich wird dies, wenn der Protagonist Neruda in seiner ersten Belehrung des Brieftr&#228;gers Metaphern und Vergleiche verwechselt. „Tu quedas ahí parado como un poste.“ („Du stehst da wie ein Laternenpfahl.“). Auch der humorvolle Kommentar des Dichters im l&#228;ngsten Kapitel des Buches ist im Original ein mit einem Binnenreim versehener Vergleich. Gekonnt korrigiert Zurbr&#252;ggen diese kleine Unebenheit, indem er tats&#228;chlich eine Metapher einf&#252;gt: „Esta conversación es más larga que tren de carga“ wird zu: „Unsere Unterhaltung hat ihren Zielbahnhof noch lange nicht erreicht.“</p>
<p>Problematisch gestaltet sich die Wiedergabe der chilenischen Sprachvariet&#228;t. Skármeta benutzt Chilenismen, um die Ausdrucksweise des Brieftr&#228;gers von der Nerudas abzugrenzen und somit die Figuren &#252;ber einen schichtspezifischen Sprachgebrauch zu charakterisieren. Es ist allerdings schlicht unm&#246;glich, f&#252;r das chilenische Adjektiv „fome“ (span. „aburrido“) oder das Adverb „al tiro“ (span. „enseguida“) Gegenst&#252;cke im Deutschen zu finden, die die Abweichung von der Hochsprache markieren. Der &#220;bersetzer l&#228;sst eine Unterscheidung sicher nicht aus Unkenntnis, sondern wegen der nicht signifikanten Bedeutungsverschiebung unter den Tisch fallen. So verzichtet Zurbr&#252;ggen auch fast ausnahmslos auf eine Reproduktion der Figurenportr&#228;ts &#252;ber Sprache, wodurch die Erz&#228;hlung aus dem spezifisch chilenischen Zusammenhang herausgehoben wird. Im Ausgangstext auff&#228;llig ist die f&#252;r das Chilenische typische Verschleifung bei Verben in der 2. Person Singular (z.B. „estaí“ statt „estás“), insbesondere dann, wenn im Text kurz auf die Wiedergabe einer chilenischen Verbform zur Unterstreichung des Unterschieds dasselbe Verb in korrekt standardsprachlich konjugierter Form folgt. Bei seiner ersten Begegnung mit Beatriz, so berichtet Mario stolz, habe er sie gefragt, wie sie hei&#223;e. Dies wiederholt er in direkter Rede („¿Cómo te llamái?“). Neruda res&#252;miert kurz darauf: „Le preguntaste ‚cómo te llamas’.“ („Du hast sie gefragt, wie hei&#223;t du?“). Die L&#246;sungsm&#246;glichkeiten im Deutschen sind nicht ganz befriedigend und beleuchten das Dilemma, vor dem der &#220;bersetzer hier steht. Zwar ist es m&#246;glich, die standardsprachliche Frage „Wie hei&#223;t du denn?“ zu verk&#252;rzen, was in gesprochener Sprache durchaus g&#228;ngig ist und den Unterschied zwischen Marios konzeptioneller M&#252;ndlichkeit gegen&#252;ber Nerudas konzeptioneller Schriftlichkeit hervorheben w&#252;rde (z.B. „Wie hei&#223;t’n du?“), doch s&#228;he das Schriftbild einer solchen Ma&#223;nahme etwas befremdlich aus. An anderer Stelle findet Zurbr&#252;ggen eine gangbare L&#246;sung, um die Verschleifung kenntlich zu machen. Denn auch der Dichter selbst neigt ausnahmsweise zu Verk&#252;rzungen („El Premio Nobel de Literatura, mijo“ statt „mi hijo“), worin sich weniger eine sprachliche Nachl&#228;ssigkeit Nerudas als vielmehr seine Zuneigung zu Mario ausdr&#252;ckt. Diese wird in der &#220;bersetzung hinreichend wiedergegeben: „De[r] Nobelpreis f&#252;r Literatur, mein Junge.“ Ausgesprochen gelungen ist die Differenzierung des Registers bei Beatriz’ Verwendung des Verbes „mirar“, das sie nicht hochsprachlich konjugiert („¿Qué mirái?“ statt „¿Qué miras?“). In der &#220;bersetzung wird ein Verb der Umgangssprache verwendet („Was gaffst du mich an?“).</p>
<p>Eine weitere Problematik, die Zurbr&#252;ggen konsequent l&#246;st, ergibt sich beim chilenischen F&#252;llwort „pó“ bzw. „pú’“ f&#252;r span. „pués“, wie es im Roman verschriftlicht ist. Im Chilenischen steht diese Partikel zur emotionalen Betonung meist am Ende eines Satzes. In W&#246;rterb&#252;chern vorhandene &#220;bersetzungsvorschl&#228;ge f&#252;r „pués“ sind u.a. „ja“, „denn“, „doch“, „eben“, „dann“, „also“ und „halt“, die sich je nach Kontext und wegen des Ausrufcharakters von „pó“ nicht immer anbieten. Zurbr&#252;ggen verwendet stets denselben Zusatz, um Marios vergleichsweise begrenztes Ausdrucksverm&#246;gen zu markieren und von dem Nerudas abzusetzen: „Qué hace tu padre? – Pescador, pu’“ („‚Was ist dein Vater?‘ ‚Fischer nat&#252;rlich.‘‘) „‚Qué es lo que quieres decir‘ – ‚[…] Que está lloviendo, pu!‘“ („‚[W]as willst du dann damit sagen?‘ ‚[…] Da&#223; es regnet nat&#252;rlich.‘“).</p>
<p>F&#252;r jeden &#220;bersetzer ist die &#220;bersetzung von Sprichw&#246;rtern und Redensarten, von Phraseologie also, besonders schwierig. In Skármetas Text spielen sie eine wichtige Rolle, da die sp&#228;tere Schwiegermutter des Brieftr&#228;gers „Doña Rosa viuda de González“ Phraseologismen pointiert als Abwehrmechanismus gegen die Metaphern – und Vergleiche – des Dichters einsetzt. In Ausnahmef&#228;llen ist die &#220;bersetzung etwas befremdlich, etwa wenn Doña Rosa auf die Ank&#252;ndigung der anstehenden Hochzeit ihrer Tochter mit dem Brieftr&#228;ger mit dem lakonischen Schlagreim „A lo hecho, pecho“ reagiert. Im Deutschen findet Zurbr&#252;ggen zwar eine gute Entsprechung zu dem Sprichwort, versieht diese aber mit einer &#252;berfl&#252;ssigen Erg&#228;nzung: „Passiert ist passiert. Geschehenes kann nun mal nicht r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden.“ Allerdings lassen sich viele Gegenbeispiele finden, die einen versierten Umgang mit der Phraseologie illustrieren – beispielsweise als Neruda sein Erstaunen &#252;ber den Brief von Doña Rosa, den er Mario vorlesen soll, mit einer festen stehenden Wendung zum Ausdruck bringt: „Aquí hay gato encerrado“. Die w&#246;rtliche &#220;bersetzung w&#252;rde lauten: „Hier ist die Katze eingesperrt.“ Zwar gibt es im Deutschen dem &#252;bertragenen Wortsinn entsprechende Ausdr&#252;cke wie „Hier ist etwas faul“ oder „Da stimmt etwas nicht.“ Der &#220;bersetzer &#252;bernimmt hingegen das zentrale Substantiv der im Sprichwort enthaltenen Situation des spanischen Ausdrucks und gebraucht ein anderes gut passendes deutsches Sprichwort: „L&#228;sst der Kater etwa das Mausen nicht“. Schlie&#223;lich erg&#228;nzt Zurbr&#252;ggen ein im Originaltext verk&#252;rzt wiedergegebenes, nur im Spanischen vorhandenes Sprichwort, damit es vom deutschsprachigen Lesepublikum verstanden wird. Auf Marios euphorische Reaktion auf die Verleihung des Nobelpreises an Neruda („Wir haben gewonnen!“) erwidert die negativ &#252;berzeichnete Schwiegermutter, die stets beflissen Sprichw&#246;rter bem&#252;ht: „Wir pfl&#252;gen, sagte die Fliege auf dem R&#252;cken des Ochsen.“ Im Original hei&#223;t es hingegen nur: „Vamos arando dijo la mosca“. Der ansonsten &#252;bliche Zusatz „dijo la mosca en el cacho del buey“ wird vom Autor ausgespart, da bereits der Anfang des Satzes f&#252;r ein spanischsprachiges Publikum ausreicht, um das bekannte Sprichwort im Geist zu erg&#228;nzen. Zurbr&#252;ggen f&#252;gt passenderweise den zweiten Teil hinzu, damit die Leser Doña Rosas Zynismus &#252;ber Marios unbotm&#228;&#223;ige Inanspruchnahme Nerudas nachvollziehen k&#246;nnen.</p>
<p>Zurbr&#252;ggen arbeitet gewissenhaft, indem er sich n&#246;tige Freiheiten bei m&#246;glichster N&#228;he zugesteht und an den jeweiligen Textstellen entsprechende Entscheidungen trifft. An mehreren Stellen geht in der &#220;bersetzung der bedeutungsrelevante Aspekt der Sprachvariet&#228;t verloren, da dieser im Deutschen nicht nachzubilden ist. Jedoch verwendet Zurbr&#252;ggen gute Strategien, um das Register der Sprecher zu verdeutlichen, etwa die einheitliche &#220;bersetzung der Partikel „pú“ und die Verwendung informeller Formulierungen. Bei einigen Passagen – und bei welcher &#220;bersetzung w&#228;re das nicht der Fall? – erh&#228;lt das spanischkundige Lesepublikum bei einem Blick ins Original zus&#228;tzliche Informationen zum Register, das von Skármeta als Stilmittel zur Unterscheidung des Sprachgestus’ seiner Figuren verwendet wird. Insgesamt ist das Buch in der &#220;bersetzung zu empfehlen, da man hier ebenso wie im Ausgangstext zahlreiche landeskundliche Hintergrundinformationen &#252;ber Chile w&#228;hrend einer politisch h&#246;chst brisanten Umbruchphase erh&#228;lt und gleichzeitig Skármetas an Neruda orientierte Sprachverwendung in ansprechender Weise nachvollziehen kann.</p>
<p>Antonio Skármeta: <em>Mit brennender Geduld</em>, &#252;bersetzt von Willi Zurbr&#252;ggen, M&#252;nchen: Piper 2010, 149 Seiten, 7,95 €</p>
<p>Antonio Skármeta: <em>Ardiente paciencia</em> (<em>El cartero de Neruda</em>), Ditzingen: Reclam 2006, 207 Seiten, 5,00 €</p>
<p><strong>Antonio Skármeta</strong>, geb. 1940 in Antofagasta, Chile, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Die erste Verfilmung seines Buches <em>Ardiente paciencia</em> im selben Jahr der Ver&#246;ffentlichung fand unter seiner Regie statt. Bis zu seiner Emigration 1975, die ihn f&#252;r mehrere Jahre nach Deutschland f&#252;hrte, war er als Dozent f&#252;r Literatur an der Universidad de Chile in Santiago t&#228;tig. 1989 kehrte er in sein Heimatland zur&#252;ck und hielt sich anschlie&#223;end nochmals im Zuge seines Amtes als Botschafter f&#252;r Chile von 2000 bis 2003 in Berlin auf.</p>
<p><strong>Willi Zurbr&#252;ggen</strong>, geb. 1949 in Borghorst, absolvierte eine &#220;bersetzerausbildung am Englischen Institut in Heidelberg. Seit 1982 arbeitet er als freier &#220;bersetzer und lebt nach mehrj&#228;hrigen Aufenthalten in Mexiko und Mittelamerika in Heidelberg. Er erhielt diverse Preise, u.a. den &#220;bersetzerpreis des Spanischen Kulturministeriums, den Literaturpreis der Stadt Stuttgart und den &#220;bersetzerpreis der Spanischen Botschaft in Bonn.</p>
<p><strong>Nils Bernstein</strong>, geb. 1979, DAAD-Lektor an der Universidad Nacional Autónoma de México UNAM in Mexiko-Stadt, promovierte an der Universit&#228;t Wuppertal mit einer Arbeit &#252;ber Phraseologismen in moderner Lyrik am Beispiel von Nicanor Parra und Ernst Jandl. 2006/2007 war er DAAD-Sprachassistent an der Universidad de Chile in Santiago.</p>
<p><a name="_edn1" href="#_ednref1">[1]</a> Erich Arendts &#220;bersetzung der <em>Ode an das Salz</em> wurde zitiert aus: Pablo Neruda: <em>Das lyrische Werk</em>. Bd. II. Hg. von Karsten Garscha, &#252;bers. von Erich Arendt. Darmstadt: Luchterhand 1985, hier S. 883.</p>
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		<title>Die Streiche der Liebe</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Héctor Canal</dc:creator>
				<category><![CDATA[12]]></category>

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		<description><![CDATA[Das j&#252;ngste auf Deutsch erschienene Werk des peruanischen Nobelpreistr&#228;gers f&#252;r Literatur Mario Vargas Llosa, Travesuras de la niña mala, auf Deutsch Das b&#246;se M&#228;dchen, ist eine der letzten &#220;bersetzungen der im Jahr 2008 verstorbenen Elke Wehr. Vargas Llosa pr&#228;sentiert in seinem Roman eigentlich gleich sieben Romane: Die Kulisse wandert vom konservativen Lima der 50er Jahre [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-2131"></span>Das j&#252;ngste auf Deutsch erschienene Werk des peruanischen Nobelpreistr&#228;gers f&#252;r Literatur Mario Vargas Llosa, <em>Travesuras de la niña mala</em>, auf Deutsch <em>Das b&#246;se M&#228;dchen</em>, ist eine der letzten &#220;bersetzungen der im Jahr 2008 verstorbenen Elke Wehr. Vargas Llosa pr&#228;sentiert in seinem Roman eigentlich gleich sieben Romane: Die Kulisse wandert vom konservativen Lima der 50er Jahre &#252;ber das intellektuelle Paris der 60er, das „swinging London“ der 70er und das boomende Tokio bis zum multikulturellen Madrid der 80er. Der autobiographische Charakter des Romans, den der Verfasser in einigen Interviews selbst hervorhob, wird durch die h&#228;ufigen pessimistischen Nebenbemerkungen zu Perus politischer und sozialer Entwicklung – mitsamt Guerrillak&#228;mpfen, Milit&#228;rputschen, Inflation und Terrorismus – verst&#228;rkt. Die sieben Kapitel lassen sich unabh&#228;ngig voneinander lesen; doch strukturiert und zu einem Ganzen erhoben werden sie von der Lebensgeschichte des Ich-Erz&#228;hlers Ricardo Somocurcio und dessen Liebe zum „b&#246;sen M&#228;dchen“, das immer wieder unerwartet in sein Leben tritt, um dann pl&#246;tzlich genauso unerwartet wieder zu verschwinden. Sie spielt ihm &#252;ble, „b&#246;se“ Streiche, die ihn am Boden zerst&#246;rt zur&#252;cklassen.</p>
<p>Mit dem Stichwort „Streich“ („travesura“) l&#228;sst sich auch die Besprechung von Elke Wehrs &#220;bersetzung beginnen. Denn bereits die &#220;bertragung des Titels wirft einige Fragen auf: Aus <em>Travesuras de la niña mala</em> wird <em>Das b&#246;se M&#228;dchen</em> – somit fallen die „Streiche“ weg. Dem Leser wird damit nicht nur die vernichtende Wirkung der Streiche des b&#246;sen M&#228;dchens auf den Ich-Erz&#228;hler vorenthalten, sondern auch und vor allem der episodische Charakter dieses Romans, denn die Streiche entsprechen den Kapiteln des Romans. Das Oszillieren zwischen Gefahr und Spiel, das den Roman bestimmt, wird dadurch ebenfalls aufgel&#246;st. Diese meines Erachtens fehlerhafte Entscheidung ist gewiss nicht der &#220;bersetzerin zuzuschreiben – im Verlagsbetrieb haben in der Regel marktstrategische Erw&#228;gungen gegen&#252;ber &#228;sthetischen und &#252;bersetzerischen Kriterien Vorrang<a name="_ednref1" href="#_edn1">[1]</a>.  Dass dadurch wichtige Facetten des Textes verloren gehen, ist genauso unvermeidbar wie bedauerlich.</p>
<p>Die Handlung gewinnt streckenweise melodramatische Z&#252;ge, so etwa als der Protagonist in Peru zuf&#228;llig den Vater des b&#246;sen M&#228;dchens kennenlernt. Hier erf&#228;hrt er von ihrer Herkunft aus einfachen, von sozialer Diskriminierung gepr&#228;gten Verh&#228;ltnissen und von ihrer traumatischen Flucht aus der Armut, einer Flucht nach vorn. So &#228;u&#223;ert der Ich-Erz&#228;hler Verst&#228;ndnis f&#252;r die im spanischen Titel genannten Streiche des b&#246;sen M&#228;dchens:</p>
<p style="padding-left: 30px;">„[...] de huir para siempre de esa trampa, cárcel y maldición que era para ella el Perú, y partir lejos, y ser rica —sobre todo eso: rica, riquísima—, aunque para ello tuviera que hacer las peores travesuras, correr los riesgos más temibles, cualquier cosa, hasta convertirse en una mujercita fría, desamorada, calculadora, cruel. (S. 323 f.)“</p>
<p style="padding-left: 30px;">„[...] f&#252;r immer aus Peru zu fliehen, das f&#252;r sie immer eine Falle, ein Gef&#228;ngnis und ein Fluch war, weit fort zu gehen und reich zu werden – das vor allem: reich, steinreich –, auch wenn sie daf&#252;r die b&#246;sesten Streiche aushecken, die schlimmsten Risiken eingehen, was auch immer tun mu&#223;te, sogar sich in eine kalte, lieblose, berechnende, grausame Frau verwandeln.“ (S. 341)</p>
<p>An dieser Stelle wird deutlich, wie es Elke Wehr gelungen ist, den Vargas Llosa eigenen Sprachfluss und den bed&#228;chtigen Rhythmus der Erz&#228;hlung beizubehalten. Allerdings gehen in ihrer &#220;bersetzung einige Peruanismen verloren, die diesem Text seinen besonderen Charakter verleihen und die zentrale Begriffe f&#252;r die innere Logik der Handlung transportieren. So etwa „huachafería“ und das daraus abgeleitete Adjektiv „huachafo“ (Kitsch, kitschig) oder „pichiruchi“ (armer Teufel), die viele Male im Buch vorkommen<a name="_ednref2" href="#_edn2">[2]</a>.  Diese W&#246;rter – Vargas Llosa hat sich hier des „limensischen“ Spanisch seiner Jugend bedient, wie er bei der Buchpr&#228;sentation betonte – sind dem aus dem nicht-andinen Raum stammenden Leser des Originals, der gro&#223;en Mehrheit der spanisch-sprechenden Gemeinschaft also, zun&#228;chst unverst&#228;ndlich. Mit der h&#228;ufigen Wiederholung und der Einbindung des Kontexts kann der Leser des Originals f&#252;r sich die Bedeutung dieser Peruanismen rekonstruieren. Diese M&#246;glichkeit bleibt dem deutschen Leser jedoch verwehrt, ihm werden die peruanischen Z&#252;ge zweier entwurzelter Figuren, die sich nirgendwo auf der Welt und insbesondere in Peru nicht zu Hause f&#252;hlen k&#246;nnen, vorenthalten. Anhand eines l&#228;ngeren Abschnitts aus einem Gespr&#228;ch zwischen dem b&#246;sen M&#228;dchen und dem Ich-Erz&#228;hler wird dieser Verlust deutlich:</p>
<p style="padding-left: 30px;">—Tú debes ser la última persona en el mundo que todavía dice esas cosas a las mujeres —sonreía, divertida, mirándome como a un bicho raro—. ¡Qué huachaferías me dices, Ricardito!</p>
<p style="padding-left: 30px;">—Lo peor no es que las diga. Lo peor es que las siento. Sí, son verdad. Tú me conviertes en un personaje de telenovela. Nunca se las he dicho a nadie más que a ti.</p>
<p style="padding-left: 30px;">—No debe vernos así nadie, jamás— dijo de pronto, cambiando de tono, ahora muy seria—. Lo último que quisiera es una pataleta de celos del pesado de mi marido. Y, ahora, tengo que irme, Ricardito.</p>
<p style="padding-left: 30px;">—¿Tendré que esperar otros cuatro años para verte de nuevo?</p>
<p style="padding-left: 30px;">—El viernes —precisó de inmediato, con una risita pícara, pasándome otra vez la mano por el pelo. Y, luego de una pausa efectista—: Aquí mismo. Tomaré un cuarto a tu nombre. No te preocupes, <em>pichiruchi</em>, lo pagaré yo. Tráete algún maletín, para disimular. (S. 124, Herv. H.C.)</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Du bist bestimmt der letzte Mensch auf der Welt, der den Frauen noch solche Sachen sagt.“ Sie l&#228;chelte am&#252;siert und betrachtete mich wie einen komischen Kauz. „Was f&#252;r ein kitschiges Zeug, Ricardito!”</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Das schlimmste ist nicht, da&#223; ich sie sage. Das schlimmste ist, da&#223; ich sie f&#252;hle. Ja, sie sind wahr. Wegen dir rede ich wie die Figur einer Fernsehserie. Ich habe sie zu niemandem gesagt, au&#223;er zu dir.“</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Man darf uns nie so sehen“, sagte sie pl&#246;tzlich in ver&#228;ndertem Ton, sehr ernst. „Das letzte, was ich mir w&#252;nschen w&#252;rde, w&#228;re ein Eifersuchtsanfall meines nervenden Ehemannes. Und jetzt mu&#223; ich gehen, Ricardito.“</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Mu&#223; ich noch einmal vier Jahre warten, um dich wiederzusehen?“</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Am Freitag“, bestimmte sie sofort, mit einem kurzen verschmitzten Lachen, w&#228;hrend sie mir erneut mit der Hand durchs Haar fuhr. Und nach einer wirkungsvollen Pause: „Hier. Ich werde ein Zimmer auf deinen Namen reservieren. Keine Sorge, du armer Teufel, ich werde es bezahlen. Komm mit einem kleinen Koffer, um den Schein zu wahren.“ (S. 128, Herv. H.C.)</p>
<p>Die Textstelle zeigt aber auch, dass Elke Wehr die meisterhaften Dialogkonstruktionen Vargas Llosas mit der gebotenen Sensibilit&#228;t &#252;bertragen hat.</p>
<p>Ein weiterer sehr interessanter Aspekt dieses Romans liegt im Beruf des Protagonisten: Er &#252;bt den „Phantomberuf“ (S. 152) des Dolmetschers aus – seinen Traum, in Paris zu leben, kann er sich als &#220;bersetzer und Simultandolmetscher f&#252;r die Unesco erf&#252;llen. So werden im Roman nicht zuletzt die beruflichen Schwierigkeiten und die finanziellen Risiken eines freiberuflichen &#220;bersetzers thematisiert. Am spannendsten sind jedoch die Reflexionen &#252;ber das &#220;bersetzen an sich, die vor allem in Gespr&#228;chen des Protagonisten mit seinem Freund Salomón Toledano stattfinden, dessen Name die mittelalterliche &#220;bersetzerschule in Toledo evoziert. Der Dragoman Toledano ist eine seltsame Figur, die zw&#246;lf Sprachen beherrscht. Seine ephemere Existenz als Wortjongleur und Vermittler fremder Sprachen bringt er eloquent auf den Punkt:</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Wenn wir uns pl&#246;tzlich dem Tod nahe f&#252;hlen und uns fragen: Was f&#252;r eine Spur wird von unserem Aufenthalt in diesem Hundezwinger bleiben?, dann w&#228;re die ehrliche Antwort: keine, wir haben nichts getan, au&#223;er, f&#252;r andere zu sprechen. Was sonst bedeutet es, Millionen von W&#246;rtern &#252;bersetzt zu haben und uns nicht an ein einziges davon zu erinnern, weil keines es verdiente, erinnert zu werden?“ (S. 157 f.)</p>
<p>Durch die Bekanntschaft mit Mario Muchnik – der reale Verleger Mario Muchnik, ein langj&#228;hriger Freund von Vargas Llosa, ist f&#252;r die literarische Qualit&#228;t, aber auch f&#252;r die mangelnde Wirtschaftlichkeit seiner Unternehmungen bekannt – wird der Ich-Erz&#228;hler Somocurcio im Roman vom Dolmetscher zum literarischen &#220;bersetzer. Die Beschreibung seiner Arbeit an der &#220;bertragung von Tschechows Erz&#228;hlungen ist eine Liebeserkl&#228;rung an die Literatur&#252;bersetzung. Die grundlegenden Unterschiede zwischen Dolmetschen und Literatur&#252;bersetzung werden umso deutlicher, wenn Toledano, der sich als Dolmetscher erstaunlich wenig f&#252;r Kultur und Literatur interessiert, seiner Geringsch&#228;tzung f&#252;r den literarischen &#220;bersetzer freien Lauf l&#228;sst:</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Ein literarischer &#220;bersetzer will Schriftsteller sein, das hei&#223;t, er ist fast immer ein verhinderter Schreiberling. Jemand, der sich nie damit abfinden w&#252;rde, in seiner Arbeit zu verschwinden, wie wir guten Dolmetscher es tun. Verzichte nicht auf deinen Status als inexistenter Vasall, mein Lieber, es sei denn, du willst als Clochard enden.“ (S. 162)</p>
<p>Toledanos Mahnung ist fast prophetisch f&#252;r Somocurcio, der sich zum Ende des Romans in Madrid mit &#220;bersetzungen von Doris Lessing, Paul Auster oder Michel Tournier &#252;ber Wasser zu halten versucht. Nachdem seit Beginn der Handlung fast 40 Jahre vergangen sind, wird er von der Lust am Erz&#228;hlen gepackt. So berichtet der Schluss des Romans von der N&#228;he, ja, dem flie&#223;enden &#220;bergang zwischen dem literarischen &#220;bersetzer und dem Schriftsteller.</p>
<p>Insgesamt ist <em>Travesuras de la niña mala</em>, und auch <em>Das b&#246;se M&#228;dchen</em>, ein sehr lesenswerter Roman &#252;ber die Streiche der Liebe, &#252;ber den schmalen Grat zwischen Wahrheit und L&#252;ge. Vor allem aber bietet der Roman eine anregende Reflexion &#252;ber die Literatur &#252;berhaupt, den Roman im Speziellen und vor allem &#252;ber Literatur&#252;bersetzung. Vargas Llosas langj&#228;hrige &#220;bersetzerin Elke Wehr vermochte dem deutschen Leser in einer ihrer letzten Arbeiten eine dem virtuosen Stil des Nobelpreistr&#228;gers angemessene &#220;bersetzung zu liefern. Dessen n&#228;chster Roman, <em>El sueño del celta / Der Traum des Kelten</em>, wird nach Verlagsangaben in September 2011 in der &#220;bersetzung von Angelica Ammar erscheinen.</p>
<p>Mario Vargas Llosa: <em>Das b&#246;se M&#228;dchen</em>, &#252;bersetzt von Elke Wehr, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch 2007, 396 Seiten, 9,90 €</p>
<p>Mario Vargas Llosa: <em>Travesuras de la niña mala</em>, Madrid: Alfaguara 2006, 376 Seiten, 18,50 €.</p>
<p><strong>Mario Vargas Llosa</strong>, 1936 in Arequipa (Peru) geboren, ist einer der bedeutendsten zeitgen&#246;ssischen spanischsprachigen Autoren. Seine Romane <em>Die Stadt und die Hunde</em>, <em>Gespr&#228;ch in der </em>„<em>Kathedrale</em>“, <em>Das gr&#252;ne Haus</em> oder <em>Das Fest des Ziegenbocks</em> machten ihn weltweit bekannt. 1994 erhielt er den <em>Premio Cervantes</em>, den wichtigsten Literaturpreis im spanischsprachigen Raum, 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2010 den Nobelpreis f&#252;r Literatur. Er wohnt in Paris, London und Madrid.</p>
<p><strong>Elke Wehr</strong> (1946-2008) &#252;bersetzte gro&#223;e spanische und lateinamerikanische Autoren wie Octavio Paz, Mario Vargas Llosa, Alejo Carpentier, Alfredo Bryce Echenique, Manuel Rivas, Julio Cortázar oder Javier Marías, der sie f&#252;r ihre aufmerksame Lekt&#252;re und sorgf&#228;ltige Arbeit besonders sch&#228;tzte. 2006 erhielt sie f&#252;r ihre &#220;bersetzungen den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.</p>
<p><strong>Héctor Canal</strong> wurde 1980 im nordspanischen Oviedo geboren. W&#228;hrend seines Gemanistik-Studiums in Braunschweig &#252;bersetzte er Texte von Wackenroder und Tieck, Jakob Wassermann, E.T.A. Hoffmann, Kant und Marx ins Spanische. Zurzeit arbeitet er an einer Dissertation &#252;ber &#220;bersetzung und Philologie in der deutschen Romantik.</p>
<p><a name="_ednref1" href="#_edn1">[1]</a>Christiane Nord hat in mehreren Arbeiten die Problematik der &#220;bersetzung von Titeln beleuchtet sowie die herrschenden verlegerischen Kriterien bzgl. der Titelgebung aufgezeigt. So ist gerade Vargas Llosas ber&#252;hmte <em>Conversación en la ‘Catedral’</em> – zun&#228;chst 1976 in der &#220;bersetzung von Wolfgang A. Luchting bei Claasen als <em>Die andere Seite des Lebens</em> erschienen und sp&#228;ter von Suhrkamp unter dem Titel <em>Gespr&#228;ch in der </em>„<em>Kathedrale</em>“ wiederaufgelegt worden – ein Paradebeispiel f&#252;r die Schwierigkeit der &#220;bersetzung von Titeln.</p>
<p><a name="_ednref2" href="#_edn2">[2]</a>Das W&#246;rterbuch der <em>Real Academia Española</em> f&#252;hrt das Lemma „pichirruchi“ (und nicht „pichiruchi“, wie in Vargas Llosas Text) mit der Bedeutung „persona insignificante / unbedeutende Person“.</p>
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		<title>Editorial Ausgabe 12</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Aug 2011 14:20:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Silke Pfeiffer</dc:creator>
				<category><![CDATA[12 Editorial]]></category>

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		<description><![CDATA[
wie halten Sie’s mit der Treue? Was die literarische &#220;bersetzung anbelangt, scheint es auf diese Frage lediglich eine g&#252;ltige Antwort zu geben: Nur eine treue &#220;bersetzung – und damit ist landl&#228;ufig die w&#246;rtliche, die textnahe &#220;bersetzung gemeint – ist eine gute &#220;bersetzung. Doch ob die &#220;bersetzer und Kritiker, die in dieser Ausgabe von ReL&#252; sprechen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-41" title="Liebe Leserinnen und Leser!" src="http://user.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~rieseberg/relue/wp-content/uploads/2008/12/liebe_leser1.gif" alt="Liebe Leserinnen und Leser!" width="352" height="26" /></p>
<p>wie halten Sie’s mit der Treue? Was die literarische &#220;bersetzung anbelangt, scheint es auf diese Frage lediglich eine g&#252;ltige Antwort zu geben: Nur eine treue &#220;bersetzung – und damit ist landl&#228;ufig die w&#246;rtliche, die textnahe &#220;bersetzung gemeint – ist eine gute &#220;bersetzung. Doch ob die &#220;bersetzer und Kritiker, die in dieser Ausgabe von ReL&#252; sprechen und &#252;ber die gesprochen wird, in diesen Lobgesang auf die W&#246;rtlichkeit bedenkenlos einstimmen w&#252;rden?</p>
<p><span id="more-2124"></span></p>
<p>Mit der Suche nach dem passenden Wort, der richtigen Wendung, die den Sinn besser fasst als die w&#246;rtliche &#220;bersetzung, bringt Karl Dedecius manchmal Wochen zu. Nach dieser zentralen Gestalt der deutsch-polnischen Kulturbeziehungen benannte die Robert Bosch Stiftung einen &#220;bersetzer-Preis. In <em>Wegbereiter der Dichter</em> berichtet Radegundis Stolze &#252;ber die Vergabe des Karl-Dedecius-Preises 2011 an Esther Kinsky und Ryszard Turczyn. Letzterem kommt es bei einer &#220;bersetzung vor allem darauf an, in seiner Muttersprache einen gewissen „Sound“ zu erzeugen und diesen „zum Klingen zu bringen“. Die &#220;bersetzerin Gabriele Haefs w&#252;rde dem wohl ohne Weiteres zustimmen. Auch ihr ging es in ihrer &#220;bersetzung von <em>Session. Irish Stories</em> des irischen Musikers und Schriftstellers Mick Fitzgerald um die Musikalit&#228;t ihres Textes. Wie sie diesem Sound nachsp&#252;rt, verr&#228;t sie im Interview mit Johanna Wais.</p>
<p>Die Furcht mit einem fremden Text umzugehen und ihm dadurch entweder nicht gerecht zu werden oder sich ihn zu sehr zu eigen zu machen, die Furcht vor zu gro&#223;er N&#228;he oder zu weiter Ferne eben, beschleicht in der Regel eher &#220;bersetzer als Autoren. Hanna Ohlrogge beschreibt in <em>Schichtarbeit</em>, wie der Autor Jonathan Safran Foer bei der Arbeit an seinem neuesten Werk <em>Tree of Codes</em> nun von derlei Bedenken heimgesucht wurde. Solche Gef&#252;hle scheint Valery Larbaud nicht zu kennen – im Gegenteil. Vera Gerling schildert in <em>Wie aus Treue Untreue wird</em>, dass Larbaud mit fremden Texten vielmehr eine Liebeserfahrung verbindet. Untert&#228;nige Treue zum Originaltext wird f&#252;r ihn allzu schnell zur Untreue, zum Liebesverrat. Um die obsessive Liebe zu einem „b&#246;sen M&#228;dchen“, aber auch um die Liebe zur Sprache, zur Literatur und zum Literatur&#252;bersetzen geht es in <em>Die Streiche der Liebe</em>, Héctor Canals Besprechung von Mario Vargas Llosas Roman <em>Das b&#246;se M&#228;dchen</em>, der von der 2008 verstorbenen Literatur&#252;bersetzerin Elke Wehr ins Deutsche &#252;bertragen wurde.</p>
<p>Pablo Neruda gilt als chilenischer Nationaldichter und stellt so etwas wie ein Nationalheiligtum dar. In Antonio Skármetas Roman <em>Mit brennender Geduld</em> fungiert er f&#252;r den Postboten Mario Jiménez zudem als Lehrmeister, der diesen in die Wirkungs- (und Verf&#252;hrungs-)macht der Sprache einweiht. Dass auch der deutsche Leser diese Macht nachempfinden kann, ist das Verdienst Willi Zurbr&#252;ggens, dem das Kunstst&#252;ck gelungen ist,  Skármetas poetischen Stil so nah wie m&#246;glich und so frei wie n&#246;tig ins Deutsche zu &#252;bertragen, wie Nils Bernstein in <em>&#220;ber n&#246;tige Freiheiten bei m&#246;glichster N&#228;he</em> darlegt. Zu gro&#223;e N&#228;he zum Original, ein Streben nach W&#246;rtlichkeit, warf man hingegen Walter Benjamins &#220;bersetzung von Saint-John Perses epischem Gedicht <em>Anabase</em> vor. Dabei haben die Kritiker vers&#228;umt zu fragen, was diese &#220;bersetzung tut und warum sie es so tut, wie sie es tut. Caroline Sauter kann in <em>Viele Samen auf Reisen </em>eine Antwort darauf geben.</p>
<p>Literatur&#252;bersetzende bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Treue und Freiheit, zwischen Original und &#220;bersetzung, zwischen Fremdem und Eigenem. Karl Dedecius fand in seinem Aufsatz &#8220;Slawische Lyrik – &#252;bersetzt – &#252;bertragen – nachgedichtet&#8221; kunstvolle Worte f&#252;r dieses ewige Paradox:</p>
<p style="padding-left: 30px;">„Kunst setzt Freiheit voraus. Das &#220;bersetzen bietet keine Freiheit […], verlangt aber Kunst. Der Autor kann, der &#220;bersetzer mu&#223;. Dem Autor hilft die Phantasie. Der &#220;bersetzer braucht sie auch – und mu&#223; dabei ihr Gegenteil befolgen, eine erbarmungslose Disziplin wahren, und also seine Phantasie im Zaume halten. Die Kunst des Autors entspannt sich und befl&#252;gelt gleicherma&#223;en damit, da&#223; sie Launen nachgeht – die Kunst des &#220;bersetzers kennt nur Pflichterf&#252;llung. Die Kunst des Autors ist, wie alle Kunst, selbstbezogen. Die eines &#220;bersetzers auch – nur mu&#223; sie dar&#252;ber hinaus: ganz auf ihr Selbst verzichten, sich anderm unterordnen, im Fremden aufgehen.“</p>
<p>Als Knechte des fremdsprachigen und zugleich Herren ihres deutschen Textes m&#252;ssen &#220;bersetzer dem Original die Treue wahren und sich zugleich auch von ihm befreien k&#246;nnen – um ihm treu zu bleiben.</p>
<p>Viel Freude bei der Lekt&#252;re der ReL&#252; No.12 !<br />
Silke Pfeiffer<br />
f&#252;r die ReL&#252;-Redaktion</p>
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		<title>Ausgabe 12 (2011)</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Jul 2011 14:35:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nina Restemeier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Archiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Editorial von Silke Pfeiffer
Vera Elisabeth Gerling &#252;ber &#220;bersetzen als Liebeserinnerung bei Valéry Larbaud
Caroline Sauter &#252;ber Walter Benjamins &#220;bersetzung von Saint-John Perses Anabase
Johanna Wais: Interview mit Gabriele Haefs
Radegundis Stolze &#252;ber die Verleihung des Karl-Dedecius-Preises
Hanna Ohlrogge &#252;ber Tree of Codes von Jonathan Safran Foer
Nils Bernstein &#252;ber Mit brennender Geduld von Antonio Skármeta
Héctor Canal &#252;ber Das b&#246;se M&#228;dchen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/editorial-ausgabe-12/" target="_blank">Editorial </a>von Silke Pfeiffer<br />
Vera Elisabeth Gerling &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/wie-aus-treue-untreue-wird/">&#220;bersetzen als Liebeserinnerung</a> bei Valéry Larbaud<br />
Caroline Sauter &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/viele-samen-auf-reisen/" target="_blank">Walter Benjamins &#220;bersetzung </a>von Saint-John Perses <em>Anabase</em><br />
Johanna Wais:<a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/session-mit-gabriele-haefs/" target="_blank"> Interview </a>mit Gabriele Haefs<br />
Radegundis Stolze &#252;ber die <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/wegbereiter-der-dichter/" target="_blank">Verleihung des Karl-Dedecius-Preises</a><br />
Hanna Ohlrogge &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/schichtarbeit/">Tree of Codes</a> von Jonathan Safran Foer<br />
Nils Bernstein &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/ueber-noetige-freiheiten-bei-moeglichster-naehe/" target="_blank">Mit brennender Geduld</a> von Antonio Skármeta<br />
Héctor Canal &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/08/die-streiche-der-liebe/" target="_blank">Das b&#246;se M&#228;dchen</a> von Mario Vargas Llosa</p>
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		<title>Ausgabe 11 (2011)</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Jan 2011 21:41:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nina Restemeier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Archiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Editorial von Caroline Sauter
Andreas Schuster &#252;ber Der letzte Leser von Ricardo Piglia
Silke Pfeiffer &#252;ber Die Frau mit den f&#252;nf Elefanten von Vadim Jendreyko
Ulrich Blumenbach &#252;ber die Unreinerhaltung der deutschen Sprache
Vera Elisabeth Gerling &#252;ber Die Vergangenheit von Alan Pauls
Nina Restemeier &#252;ber die D&#228;monentrilogie von Peter V. Brett
Elisabeth Schmalen &#252;ber Tiere essen von Jonathan Safran Foer
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/editorial-ausgabe-11/" target="_blank">Editorial </a>von Caroline Sauter<br />
Andreas Schuster &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/selbstportrait-eines-lesers/" target="_blank">Der letzte Leser</a> von Ricardo Piglia<br />
Silke Pfeiffer &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/die-elefantendame/" target="_blank">Die Frau mit den f&#252;nf Elefanten</a> von Vadim Jendreyko<br />
Ulrich Blumenbach &#252;ber die <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/wider-deutsch-mit-buegelfalten/" target="_blank">Unreinerhaltung</a> der deutschen Sprache<br />
Vera Elisabeth Gerling &#252;ber <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/dem-sklavendasein-abhold/" target="blank">Die Vergangenheit</a> von Alan Pauls<br />
Nina Restemeier &#252;ber die <a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/klischees-im-reich-der-inquit-formeln/" target="_blank">D&#228;monentrilogie</a> von Peter V. Brett<br />
Elisabeth Schmalen &#252;ber<a href="http://www.relue-online.de/neu/2011/01/man-nehme-drei-lesezeichen/" target="_blank"> Tiere essen</a> von Jonathan Safran Foer</p>
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